Zweitverwirklichung

14.04.15  Von Frank Steinhofer


Das moderne Ich ersucht Einzigartigkeit und stochert dabei im Hochnebel der eigenen Allmachtsphantasie herum – matt, müde und aufgeputscht von all den Möglichkeiten. Ist es nicht wieder an der Zeit an die kleinste auszuhaltende Parallelgesellschaft zu denken: den Anderen?

Eine Kanone hat es meinem Opa im Zweiten Weltkrieg angetan. Die Gulaschkanone. Das verraten Aufzeichnungen eines Kriegskameraden. Nachdem er bis zu 18 Stunden die Flak fütterte, war das leibliche Wohl die einzige Erbauung, die vom Tag übrig blieb. Wenngleich flapsig, sage ich es mit großer Zuneigung. Er starb neulich. Habe ich mit ihm über seine Zeit im Krieg gesprochen? Im Leben nicht.

An seiner Beerdigung sitze ich in der ersten Reihe. Schwarze, schweigende Schatten treten an mich heran. Schütteln mir die Hand. Meine kleine Cousine flüstert mir ins Ohr: „Kommt Opa in den Himmel?“ – „Das weiß ich nicht“ – „Hoffentlich hat er auf dem Weg dorthin den Stock nicht vergessen.“ Sie schaukelt vergnügt mit den Beinen. Ich lächele nüchtern.

Zwei Menschen in Uniform nähern sich dem Sarg, setzen ihre Mützen auf. Salutieren. Ich bin verwirrt – doch berührt. Seltsam berührt. Beim Leichenschmaus erfahre ich, sie haben sich den Tag freigenommen. „Es war uns wichtig“, sagt der eine. „Dein Opa hat viel für die Feuerwehr und die Region getan.“ Er faltet die Lippen. „Und er hat mir geholfen in …“ Den letzten Gedanken an ihn fasst er schweigend zusammen.


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Lieblingsbaustelle Ich


Zurück in der Großstadt. Empfangen von Lichtern. Und einem Regen, der wütend auf die Menschen ist. Ich wandere durch die Straßen – und finde mich inmitten schicker, gleichgültiger Leute. Mich treibt eine Sehnsucht immer weiter hinaus, tiefer in den Bauch der Stadt, die jede Nacht neue Andeutungen ausspuckt. Ich suche Augen! Kontakt. Blickkontakt. Ich brauche menschliche Augen, die mich ansehen, gar nicht mal mit Interesse, die mich einfach nur anschauen.
Als Versicherung, dass ich da bin. Damit ich im Antlitz des Anderen zu einem lebendigen Menschen werde. Und nicht zu dem verkniffenen Einzelgänger, der ich bin.

Alles gut. Geht gleich wieder vorbei. Ich gehe gleich wieder vorbei. Ich hole mir einen Kaffee an dem Bahnhof – und setze mich schmallippig auf die Seitenbank eines Schnellimbisses.

Ich knipse mein Handy an. Instagram. Lissabon wird auf dem Foto hingerichtet. Eine Bloggerin schreibt: „OMG, ich war nur zwei Tage in Portugal, habe aber Bilder für vier Wochen geschossen.“ Das zweite Bild zeigt eine Gefängnis-Szene. Zwei Brüste kämpfen mit einem Kleid darum, freigelassen zu werden. Das Ex-Model gibt an: „Love my hair today. Hate why I’m dressed up. #Funeral #Nofilter

Auf dem dritten Bild hält ein Experte und Autor des Buches „Check niemals deine E-Mails am Morgen“ eine Weisheit parat. Ich knipse mein Handy aus.

Mit allem vernetzt, mit nichts verbunden?


Das Pendel der Befindlichkeit, es schlägt nicht mehr. Keine Schwingung. Nichts. Mit der Nervosität der Moderne rutscht mein Daumen auf der Bildschirmglätte aus. Der Regen peitscht gegen die Scheibe.

Ein narrativer Schatten holt mich ein. Er hat sich über mich gelegt, wie eine dunkle, warme Decke: Der Glaube an die eigene Überlegenheit. Ich bin etwas Besonderes, ich komme klar. Aber ich komme nicht mehr klar. Der freie Lebenshunger, der immerzu ins Weite preschte, hat sich vergaloppiert.


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Ich brauch’ Dich. Brauchst du mich noch?
Gebrauchen wir uns noch? Sind Du und ich ein gutes Geschäft?
Ich blicke in die Gesichter vorbeilaufender Passanten.

Es steckt so viel Ich in Dich, dieser Tage.

Kann ich Dich, da draußen, überhaupt noch aushalten? Deine Nähe? Deine Gründe und Abgründe. Denn je besser wir uns kennen, desto abgründiger wird es ja. Das hält doch kein Mensch aus. Hältst du das aus? Wenn du mir so nah bist, und die Entfernung zwischen uns misst. Da klafft eine Riesenlücke zwischen uns!

Wollen wir aufhören sie zu füllen? Plattzumachen. Wegzureden. Der Graben wird tief sein, intimgebrochen, unüberwindbar. Lass uns einander nicht in der Mitte treffen – da stürzen wir ja ab! Lass uns nicht eins werden, wir sind doch zu zweit.

Wenn sich Du und Ich trotzdem aufeinander einlassen. Aufeinander beziehen. Sind wir dann nicht einzigartig, zu zweit? Wenn wir die gleiche Originalität darauf verwenden, uns zweitzuverwirklichen, anstatt nur uns selbst. Als Nachbarn, als Freunde, als Liebende, als Andere, als Undenkbare. Sind wir dann nicht einzigartig? Zu zweit.

Alles andere ist doch Selbst-Quälerei. All diese Selfie-Turniere im Kampf um Anerkennung. Der Körper als Kulisse. Der Reflex ständig Recht zu haben. Das aufschäumende Ja, aber. Wahre Sätze werden doch zu Warensätzen, wenn jedes Wort ironisch eingeseift wird; der andere Recht hat, immer nur Recht. Schlauer ist. Das macht uns beide doch kaputt. Das macht mich kaputt!

Sprengmeister eines letzten Grundes zu sein, aber nicht der Bekenner einer ersten Wunde. Wohl wissend: Verletzlichkeit ist der Pfahl, den du mir bei nächster Gelegenheit ins Herz rammst.

Du und ich sind verdammt gute Netzwerker geworden, nicht wahr? So hobby-lebendig. Im Existenzmodus des Noch-Nicht. Nur die Unruhe bewahrend. Sich vernetzen und vernutzen. In der Idee, dass es noch besser wird. Wollen wir weiter eine raffinierte Ranke an Komplimenten um den Anderen schlingen, mit der gleichen kuscheligen Verlogenheit, nur um im nächsten Moment die Ernte an Bewunderung einzustreichen. Deal?

Um klammheimlich – immer weiter – in den Himmel der Aufmerksamkeit aufzusteigen. Als autogene Götter, die rastlos um sich knipsen, meinen und wetteifern um Bedeutung.

Ich kriege langsam Platzangst im Olymp. Alle stehen auf der Bühne, wer klatscht noch? Reiche ich dir nicht mehr als Publikum? Auf der Bühne der Zwei. Reicht das Essen auf dem Tisch nicht mehr? Reicht der Augenblick nicht mehr? Ich erreich’ dich nicht mehr.

Du willst geliebt werden. Sag’ das doch. Das will ich auch. Warum können wir dann nicht besser miteinander umgehen? Wenn wir doch alle nur geliebt werden wollen. Ich blicke gegen eine nachtblaue Wand aus Regen und Gischt. Was wenn es im Leben gar nicht um ein Wofür geht. Sondern um ein Mit-Wem?

Ich nippe hastig an dem Kaffee. Guter Satz. Könnte man twittern. Warum? „Für all die kleinen Dinge im Leben eignet sich Twitter wunderbar“, schlägt ein Twitterleitfaden für die AGBs unserer Zeit vor.

„Ihre Familie, Freunde und Arbeitskollegen erfahren auf unkompliziertem Wege, dass Sie sich an bestimmten Dingen erfreuen oder eventuell auch gerade an der Kasse im Supermarkt warten – sicherlich nichts, was man wissen muss, aber schön zu wissen.“

Ich trinke meinen Kaffee aus, frage an der Kasse die Frau vom Schnellimbiss, ob sie mich auf Twitter verfolgen will. Sie kriegt auch Informationen zu meinem Leben – sicherlich nichts, was man wissen muss, aber schön zu wissen. Sie zögert.

Ich streife mir derweil den durchnässten Mantel über und weiß.
Wo Bewegung war, ist Archiv geworden.

Sie sagt: „Nein.“
Ich sage: „Danke für Deine Augen.“

Über den Fotografen

Fabian Zapatka

Die Bilder des Beitrags stammen von Fabian Zapatka. Seine Arbeiten sind meist kleine Utopien des Zusammenlebens. Warum? Weil er Menschen wertschätzt, ohne zu werten – und Momente nicht größer oder kleiner macht, sondern spür- und erlebbar. Den Konvivalismus, das Miteianderauskommen, weitet er in seinem neuesten Buch „Perspectives Pt.1“ auf die Tierwelt aus und begleitet mit der Kamera über ein halbes Jahr den Alltag der Grundlagenforschung in einem Labor für Tierversuche.




Frank Steinhofer
Einer der Macher von DARE, freier Autor bei Spiegel Online und Süddeutsche Zeitung, lebt und pendelt gerade als Literaturstipendiat zwischen Hamburg und Mexiko-Stadt für seinen ersten Roman "Niemandsmann". Kontaktieren via E-Mail.







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  • Arthur Dupret

    ich glaube, ich verstehe, was der autor so diffus zum ausdruck bringen möchte, komme aber über die form des textes nicht hinweg. bewältigungsprosa, abgenutzte metaphern, triefende, viel zu dick aufgetragene, daher eher vor sich her getragene melancholie. nein. kein guter text. schade.

  • Stella Meier

    vielleicht lassen sich manche dinge nur diffus zum ausdruck bringen und wenn man versteht, was gemeint ist, ist ja schon viel erreicht. kaum wird jemand mal melancholisch und emotional werden teer und federn rausgeholt. auch darum ging es im text.

  • Günter Jürgens

    Ein toller Text! Er wechselt von Sicherheit zur Unsicherheit, ohne die es meiner Meinung nach kein richtiges Verstehen gibt.