Das anarchische Potential der Farbe

28.07.16  Von Nicole Buesing und Heiko Klaas


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Katharina Grosse: Blick in die Ausstellung, Foto: Heiko Klaas

 

Kaum zu glauben: Aber auch die für ihre alle Dimensionen sprengenden Großformate bekannte Berliner Malerin Katharina Grosse hat einmal mit handlichen Leinwänden angefangen. Die Entwicklung ihres Werks von den frühen 1990er Jahren bis heute zeigt jetzt eindrucksvoll eine Ausstellung im Museum Frieder Burda in Baden-Baden

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Katharina Grosse, Portrait 2015, Foto: Andrea Stappert

 

Denkt man an die Berliner Malerin Katharina Grosse, so kommen einem sofort Bilder in den Kopf, die eine hart arbeitende Frau im farbbespritzten Ganzkörperschutzanzug zeigen. Ihr Kopf ist dabei meist unter einer an einen Astronautenhelm erinnernden Atemmaske verborgen, in den Händen hält sie eine Sprühpistole, durch deren feine Düsen Pigmentnebel nach außen dringen und alles mit Acrylfarbe überziehen, was ihnen in die Quere kommt. 1961 in Freiburg/Breisgau geboren, lebt und arbeitet sie heute in Berlin. Seit 2010 hat sie eine Professur an der Kunstakademie Düsseldorf. Seit rund 25 Jahren sind ihre Arbeiten, aber auch ihre temporären Interventionen weltweit gefragt.

 

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Katharina Grosse, Ohne Titel, 2009, Acryl auf Leinwand, 240 x 388 cm © Katharina Grosse und VG Bild-Kunst, Bonn 2016

 

Insbesondere die Überwindung der Limitierungen der Leinwand in Form einer radikalen Einbeziehung von Wand, Decke und Boden des Ausstellungsraumes ist seit 1998 zu einer Art Markenzeichen der Künstlerin geworden. Farbe wird bei ihr zum Erfahrungsraum, in dem der Betrachter dazu animiert wird, sich zu bewegen. Ebenso hat sie aber auch schon ganze Fassaden, Möbelstücke, Schutt-, Erd- oder Rasenflächen mit ihren typischen Farbschleiern modifiziert. Monumentalität ist für Grosse kein Fremdwort.

 

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Katharina Grosse, Ohne Titel, 1992, Öl auf Leinwand, 200 x 250 cm © Katharina Grosse und VG Bild-Kunst, Bonn 2016

 

Die aktuelle Ausstellung im Museum Frieder Burda in Baden-Baden allerdings konzentriert sich auf ihre Tafelbilder, die parallel zu den großen, raumspezifischen Installationen nach wie vor entstehen. Dem Betrachter wird damit die Gelegenheit gegeben, die DNA der aktuellen Arbeiten in der Machart und Struktur der früheren Werke aufzuspüren. Zu sehen in den lichtdurchfluteten, überwiegend weiß gehaltenen Räumen des Richard Meier-Baus sind Arbeiten von Anfang der 1990er Jahre bis heute.

 

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 Katharina Grosse: Blick in die Ausstellung, Foto: Heiko Klaas

 

Gerade in der chronologischen Abfolge der Arbeiten wird deutlich, wie sich Grosse ab Anfang der 1990er Jahre von einer zunächst reduzierten, vielfach mit Weiß abgetönten Farbpalette zunehmend intensiveren Farben – und immer größeren Formaten zugewandt hat. Im Laufe weniger Jahre wird der Farbauftrag immer durchscheinender. Gleichzeitig verschwindet der anfangs noch grobe Pinselstrich. Er wird durch wesentlich feinere Strukturen bei gleichzeitig großflächigerem Farbauftrag ersetzt. Aus fast monochromen, sich teils überlappenden Farbflächen entstehen transparente Oberflächen voller Dynamik und räumlicher Tiefe. Ab Ende der 1990er Jahre tauchen vermehrt die auch für das heutige Werk so typischen nebelartigen Farbwolken, Tropfen und Schlieren auf. Auf Titel oder Nummerierungen verzichtet Katharina Grosse übrigens konsequent.

 

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 Katharina Grosse: Blick in die Ausstellung, Foto: Heiko Klaas

 

Eine sieben Meter hohe und zehn Meter breite Ellipse aus dem Jahre 2009 unterstreicht auch in der Baden-Badener Schau die Vorliebe Grosses für ungewöhnliche Bildträger. In diesem Fall besteht der Bildkörper aus weißem, glasfaserverstärktem Kunststoff. In der Mitte des auf dem Boden stehenden Objekts befindet sich zudem eine kreisrunde Öffnung. Während des Malvorgangs hat Katharina Grosse bestimmte Partien mit Schablonen abgedeckt und andere frei gelassen. So entstand eine sehr klare Abgrenzung zwischen Farbe und Nicht-Farbe, konkreter, industriell anmutender Materialität und der angedeuteten Tiefe des in allen Farben des Regenbogens schillernden Bildraums. Phänomene der Wahrnehmung und Skalierung haben sie immer schon mehr interessiert als traditionelle malerische Fragestellungen wie etwa die nach Figur und Grund. Realwelt und Kunst sind für Katharina Grosse keine unabhängig und parallel zueinander existierenden Systeme. Ihr geht es vielmehr um die Aufhebung der Grenzen zwischen Bild und Realität, Malerei und Betrachter. Der Welt, in der sie lebt, nähert sie sich durch malerische Anverwandlung.

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Katharina Grosse, Ohne Titel, 2008, Acryl und Erde auf Leinwand, 390 x 796 cm © Katharina Grosse und VG Bild-Kunst, Bonn 2016

 

Ebenfalls beeindruckend das der Ellipse gegenüber hängende, vier mal neun Meter große Gemälde aus dem Jahre 2005. Diese jetzt an der Wand hängende Leinwand verrät viel über ihre Entstehungsgeschichte. Unzählige Fußabdrücke zeigen, dass diese Fläche bearbeitet wurde, während sie flach auf dem Atelierboden lag. Offenbar hat die Künstlerin immer wieder barfuß die Leinwand betreten, um mit großen, an Besen erinnernden Malwerkzeugen die jeweils den ganzen Bildraum durchmessenden, breiten und sich immer wieder überlagernden Farbbahnen aufzutragen. Durch dieses Über- und Untereinander entsteht ein fast schwindelerregender Eindruck von räumlicher Tiefe. Fast so wie in einem von Holzstegen und Gerüstbrettern durchzogenen Rohbau. Die körperliche Dimension des Malaktes – ohnehin schon Katharina Grosses Spezialität – wird hier noch einmal ebenso anekdotisch wie eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Das Bild markiert denn auch die zunehmende Bedeutung der physischen Bewegung der Künstlerin im Zuge der Entstehung ihrer Arbeiten.

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Katharina Grosse, Ohne Titel, 2005, Acryl auf Leinwand, 393 x 900 cm © Katharina Grosse und VG Bild-Kunst, Bonn 2016

 

Katharina Grosses Malerei wird häufig mit dem Action Painting, dem deutschen Informel oder sogar Graffiti und Street Art verglichen. Eine Lesart, der sie nicht unbedingt zustimmt: „Diese kunsthistorischen Zuschreibungen sind ja oft sehr einengend und limitierend, so dass sie einfach auch – ganz direkt gesagt – nerven können. Auch zurren sie den Blick auf das Werk unnötig fest. Meine Arbeit hat auch mit ganz anderen, vielleicht nicht so augenfälligen Einflüssen zu tun wie dem Absoluten Theater oder Pina Bausch, aber genauso gut kann man auch die Höhlenmalerei oder die Freskomalerei der Renaissance erwähnen, also alle möglichen Einflüsse, die man sich vorstellen kann.“

 

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Katharina Grosse, Ohne Titel, 1999, Öl auf Leinwand, 291 x 205 cm © Katharina Grosse und

VG Bild-Kunst, Bonn 2016

 

Das oft totgesagte Medium Malerei treibt Katharina Grosse immer wieder an seine Grenzen. Wie kaum jemand anders lotet sie dabei radikal aus, was Malerei heute zu leisten in der Lage ist und aus welchen tradierten oder selbst auferlegten Beschränkungen sie sich befreien kann.

 

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Katharina Grosse, Ohne Titel, 2006, Öl auf Leinwand, Durchmesser  247 cm © Katharina Grosse und VG Bild-Kunst, Bonn 2016 

Auf einen Blick:

Ausstellung: Katharina Grosse

Ort: Museum Frieder Burda, Baden-Baden

Zeit: Bis 9. Oktober 2016, Di – So 10 – 18 Uhr, an allen Feiertagen geöffnet

Katalog: Verlag der Buchhandlung Walther König, 176 S., über 100 Farbabb., 35 Euro

Internet: www.museum-frieder-burda.de

 

 




Nicole Buesing und Heiko Klaas
Nicole Büsing und Heiko Klaas sind seit 1997 als freie Kunstjournalisten und Kritiker für zahlreiche Magazine, Tageszeitungen und Online-Magazine tätig. Daneben schreiben sie auch Katalogbeiträge. Sie leben in Hamburg und Berlin. Regelmäßige Veröffentlichungen über Kunst und Kunstmarkt z.B. in Kunstmarkt.com, Monopol, Artmapp, Hatjecantz.de, Artist Kunstmagazin, Artline, Spiegel online, DARE, Kultur & Gespenster, Photonews, Kunsttermine, Zeitkunst, Künstler-Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Next Level, Art, Die Welt, Der Tagesspiegel, www.artlog.net, diverse regionale Tageszeitungen wie Kieler Nachrichten, Weser-Kurier, Neue Osnabrücker Zeitung, Saarbrücker Zeitung, Südkurier, Nürnberger Nachrichten, Flensburger Tageblatt, Freie Presse, etc. klaas.buesing@gmail.com







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