• Kunst & Überdies
    • Ausstellungen
    • Fotografie
    • Design & Architektur
    • Film
    • Theater & Bühne
  • Künstlerporträts
  • Digitales Leben
  • Gedanken zur Zeit
  • Über DARE
    • Redaktion & Kontakt
    • Ausgaben
  • Kunst & Überdies
    • Ausstellungen
    • Fotografie
    • Design & Architektur
    • Film
    • Theater & Bühne
  • Künstlerporträts
  • Digitales Leben
  • Gedanken zur Zeit
  • Über DARE
    • Redaktion & Kontakt
    • Ausgaben

Raum-Zeit-Erzählungen aus einem zerbrechenden Land

02.03.26  Von Nicole Buesing und Heiko Klaas


Auf den preisgekrönten Aufnahmen des New Yorker Fotografen Philip Montgomery manifestieren sich Glanz und Elend eines zutiefst gespaltenen Landes. Zu sehen sind sie jetzt im PHOXXI. Haus der Photographie in Hamburg

In diesen aufgewühlten Zeiten für die New York Times zu arbeiten, ist ein zweischneidiges Schwert. Anerkennung und Wertschätzung der demokratisch gesinnten Leserschaft sind garantiert. Präsident Donald Trump aber zählt die mit Abstand wichtigste Zeitung der Vereinigten Staaten seit Langem zu seinen Lieblingsfeinden. Er rechnet sie zusammen mit den TV-Sendern ABC, CBS und CNN zu den „Fake News Medien“, die seiner Meinung nach bekämpft und abgewickelt gehören. Im September 2025 hat er das Zentralorgan der linksliberalen amerikanischen Intellektuellen gar auf 15 Milliarden Dollar (12,8 Milliarden Euro) Schadenersatz verklagt, da die New York Times Kamala Harris angeblich illegale Wahlkampfhilfe geleistet habe. Die Klage richtete sich nicht nur gegen den Verlag, sondern auch gegen einzelne Journalisten. So sehr man als New York Times-Mitarbeiter von Lesern und Kollegen auch geschätzt und vielleicht sogar beneidet wird: Ganz ungefährlich ist es also nicht, für den renommierten Zeitungstitel zu arbeiten.

 

Philip Montgomery, Curfew, Lake Street, Minnesota, May 2020. © Philip Montgomery

Der New Yorker Fotograf Philip Montgomery lässt sich von derlei Bedenken jedenfalls nicht davon abbringen, immer wieder nach draußen zu gehen und das Geschehen im Lande mit großer journalistischer Sorgfalt, aber auch künstlerischer Originalität abzubilden. Er geht dabei zum Teil große körperliche Risiken ein. So war er 2020, auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie, zwei Monate lang in New Yorker Krankenhäusern und Beerdigungsinstituten unterwegs, um den Horror der tödlichen Seuche auf ebenso sensiblen wie erschütternden Aufnahmen festzuhalten. Als Beobachter von Demonstrationen ist er bereits mit Pfefferspray besprüht und verhaftet worden. Er stand in Überflutungsgebieten bis zum Hals im Wasser. Und er ist von der Polizei mit Gummigeschossen beschossen worden, weil er sich während einer nächtlicher Ausgangssperre trotzdem nach draußen gewagt hat.

 

Philip Montgomery im PHOXXI, Foto: Heiko Klaas

Der 1988 in San Francisco geborene Philip Montgomery fotografiert jedoch nicht nur für das New York Times Magazine. Zu seinen regelmäßigen Abnehmern gehören unter anderem auch Time, The New Yorker, Vanity Fair, The Guardian, Aperture, Harper’s und das Magazin der deutschen Wochenzeitung Die Zeit.

Im PHOXXI, dem temporären Ausweichquartier des gerade im Umbau befindlichen Hauses der Photographie der Hamburger Deichtorhallen, ist noch bis Anfang Mai unter dem Titel „American Cycles“ die weltweit erste große institutionelle Einzelausstellung Montgomerys zu sehen. Sie umfasst rund 110 Werke, die zwischen 2014 und heute entstanden sind. Obwohl er ab und zu auch in Farbe fotografiert, haben sich Montgomery und Nadine Isabelle Henrich, Leiterin des PHOXXI und gleichzeitig auch Kuratorin dieser Schau, dafür entschieden, ausschließlich Schwarzweißaufnahmen zu zeigen. Zu sehen sind Einzelaufnahmen und Bildstrecken, die bereits in Publikationen wie The New York Times Magazine oder The New Yorker veröffentlicht wurden, aber auch gänzlich unveröffentlichtes und neues Material.

 

Philip Montgomery, George Floyd Memorial II, Minneapolis, June 2020. © Philip Montgomery

Man darf sich Philip Montgomery ein wenig als einen modernen Wiedergänger der auf Tatorte, Unfälle und andere Katastrophen spezialisierten New Yorker Fotografenlegende Arthur Fellig, alias Weegee (1899-1968) vorstellen. Im Gegensatz zu diesem verlässt er jedoch die Ostküstenmetropole regelmäßig, um in der amerikanischen Provinz auf Bildsuche zu gehen. Auch vermeidet er auf seinen Bildern allzu sensationslüsterne Details. Boulevardeske Schockaufnahmen liegen ihm fern. Dennoch ist eine gewisse Film-Noir-Ästhetik, gepaart mit dramatischen Licht-Schatten-Effekten, auch für Montgomery charakteristisch, was seinen perfekt durchkomponierten Aufnahmen in der heutigen, schnelllebigen Zeit eine klassische Note verleiht.

 

Philip Montgomery, Rashaad Brooks, Tubbs Fire, California, 2017. © Philip Montgomery

Häufig fotografiert er im sogenannten Rust Belt, den Landstrichen der USA also, die von der De-Industrialisierung am stärksten betroffen sind. Motive findet er etwa in Orten wie Ferguson (Missouri), Charleston (South Carolina) oder Minneapolis (Minnesota) und vielen weiteren kleineren Orten. Die Anlässe haben es entweder in die World-News geschafft, wie die Massenproteste anlässlich der Ermordung des Afroamerikaners George Floyd durch Polizeigewalt im Mai 2020, oder sie sind vollkommen unspektakulär, da sie sich im Elend prekärer privater Lebensumstände abspielen.

 

Philip Montgomery, The Chatman family, Ferguson, Missouri, November 2014. © Philip Montgomery

Die Aufnahme „The Chatman family, Ferguson, Missouri, November 2014“ zeigt die eng aneinander gerückten Angehörigen einer afroamerikanischen Familie in Ferguson (Missouri), die sich im Angesicht von der Polizei niedergeschlagener Proteste am Vorabend kaum aus ihrem Haus wagt und ein vorüberfahrendes Polizeifahrzeug mit großer Skepsis beäugt. Den Protesten vorausgegangen war der Freispruch eines weißen Polizisten, der einen unbewaffneten Jugendlichen erschossen hatte.

Auf der Aufnahme „A Christmas Eviction 2015“ wohnen wir einer Hausräumung an Weihnachten bei. Montgomery nimmt uns mit in ein bereits weitgehend leer geräumtes Zimmer. Eines der Fenster ist durch eine Sperrholzplatte notdürftig ersetzt worden. Und ein Mann mit tief im Gesicht sitzender Kapuze packt sich gerade einen weißen Plastikweihnachtsbaum, um auch diesen noch aus dem Haus zu befördern. Ob das der rausgeschmissene Mieter selbst oder der Angehörige eines Räumungstrupps ist, bleibt unklar.

 

Philip Montgomery, Piano, Hurricane Harvey, Houston, Texas 2017. © Philip Montgomery

Dass auch die gesellschaftlichen Eliten vor Sturm- und Flutkatastrophen nicht gefeit sind, zeigt Montgomery dann auf anderen Aufnahmen. So etwa auf der Arbeit „Piano, Hurricane Harvey, Houston“ (2017). Zu sehen ist ein fast bis zu den Tasten im Brackwasser stehender Konzertflügel. Im Hintergrund hängt ein offenbar aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert stammendes Gemälde, auf dem ironischerweise ein Kanal dargestellt ist.

 

Philip Montgomery: American Cycles © Henning Rogge

„Saying Goodbye to Brian“ (2017) wiederum gehört zu einer Werkgruppe mit Aufnahmen von Opfern der Opioid-Krise. Der Missbrauch von Opioiden stellt die häufigste Todesursache von Amerikaner:innen unter 50 dar. Auf der Aufnahme zu sehen sind die trauernden Familienangehörigen eines 33-Jährigen, der still und leise im Keller des Einfamilienhauses gestorben ist. Sie schauen in den auf einer Bahre befindlichen Leichensack. Während weitere Umstehende, darunter Polizisten und ein Gerichtsmediziner, mit teilweise gefalteten Händen in stiller Andacht verharren. Auch diese Aufnahme weist wieder gewisse Ähnlichkeiten zu Weegee auf: Auch bei ihm spiegelte sich das Grauen häufig in den entsetzten Blicken der Augenzeugen.

 

Philip Montgomery, Robert de Niro and Al Pacino, actors, London, UK, October 2019. © Philip Montgomery

Gerade auch auf weniger dramatischen Aufnahmen erweist sich Philip Montgomery dann als Meister der Lichtregie. So etwa auf dem Bild „Robert de Niro and Al Pacino, actors, London, UK, October 2019“. Die gut ausgeleuchteten Gesichter der beiden Hollywood-Größen sind mit einander eng zugewandten, sich an der Stirn fast berührenden Köpfen in Nahaufnahme vor einem tiefschwarzen Hintergrund in Szene gesetzt. Dieses Motiv gehört zu einer ganzen Reihe von Celebrity-Fotografien, die im ersten Stock des PHOXXI bei stark abgedunkelten Lichtverhältnissen gezeigt werden. Die perfekt durchkomponierte Schau versammelt hier unter der Kapitelüberschrift „American Mirror“ noch zahlreiche weitere Aufnahmen berühmter Amerikaner. Darunter Barack Obama, Philip Roth, Laurie Anderson oder Nancy Pelosi. Auch Robert F. Kennedy Jr. ist mit einem Porträt aus dem Jahre 2023 vertreten. Mit der Wahl des Bildtitels macht Philip Montgomery allerdings deutlich, was er von ihm hält. „Verschwörungstheoretiker und Gesundheitsminister“ heißt es da. Diese Reihenfolge spricht Bände.
Montgomery und die Kuratorin mischen diese Auswahl leicht wiedererkennbarer Prominenter allerdings mit einem Panoptikum amerikanischer Normalbürger. Diese „Average-Joes“ arbeiten beispielsweise als Verkäufer von Trump-Merchandise, Polizist oder Postangestellter.

 

Philip Montgomery, The Viewing, Kettering, Ohio, 2017. © Philip Montgomery

Ob Flutkatastrophen, Waldbrände, Zwangsräumungen, Rassen-konflikte, Polizeigewalt, die Opioid-Krise oder das Erstarken der MAGA-Bewegung unter Präsident Donald Trump: Philip Montgomery erweist sich auf seinen Aufnahmen als ein Chronist mit der seltenen Gabe, Bilder zu produzieren, die weit über das auf ihnen Gezeigte hinausweisen. Unter anderem gelingt ihm das durch den gezielten Einsatz von ferngesteuerten Miniblitzlichtern, die er vor der Aufnahme schon mal in Zimmerpflanzen versteckt, so dass die Porträtierten diese kleine inszenatorische Hinterlist gar nicht bemerken. Das Ergebnis sind der nur mit dem bloßen Auge wahrnehmbaren Welt seltsam entrückte Aufnahmen, vornehmlich von kleineren Menschengruppen in Innenräumen. In der Ausstellung zu sehen sind drei markante Beispiele: gewerkschaftlich organisierte Stahlarbeiter in ihrem Pausenraum in Wisconsin, Broker an der New Yorker Börse oder aber die Mitglieder des US Supreme Court.

 

Philip Montgomery, Tulsa Arrest, Oklahoma 2017. © Philip Montgomery

Kaum wahrnehmbare Eingriffe wie diese machen die ganz besondere Qualität seiner Aufnahmen aus. Auf seinen Bildern entwickelt Montgomery eine ganz eigene Typologie von Orten, Menschen, Begegnungen, Konflikten, Gefühlen und Angstzuständen. Neben all der Gewalt, der Zerrissenheit und dem Elend zeigt er aber auch immer wieder Szenen der Empathie und des Zusammenhalts – sei es in der Familie oder unter Protestierenden.

Der Schweizer Kunsttheoretiker Paolo Bianchi betrachtet die rein visuelle Erfassung eines Gegenstands als „bloß eingeschränkten Zugang zum Medium Fotografie“. Und er plädiert für eine „Fotografie der Imagination“ wenn er schreibt: „Aufschlussreicher ist es da, der Erkenntnis zu folgen, dass Fotografie sehr wohl auch imaginativ ist und Wirklichkeiten inszeniert, die wiederum einen Verweis auf andere imaginative Welten zur Folge haben. Die Fotografie der Imagination schafft eine Verdoppelung von Wirklichkeit, in der das Foto stets als ein Zeichen von Zeichen firmiert.“

 

Philip Montgomery: American Cycles © Henning Rogge

 

Für den amerikanischen Philosophen Richard Rorty wiederum entsprach eine neue Weltanschauung dem „Wettkampf zwischen einem erstarrten Vokabular, das hemmend und ärgerlich geworden ist, und einem neuen Vokabular, das erst halb Form angenommen hat und die vage Versprechung großer Dinge bietet“. Auf Philip Montgomerys außergewöhnliche Methode, sich mit der Kamera der Welt da draußen zu nähern, trifft das zu. Man darf darauf gespannt sein, welche Bilder dieser noch relativ junge Fotograf uns in Zukunft noch präsentieren wird.

 

Philip Montgomery, Lovers on Florissant, Ferguson, Missouri, 2014. © Philip Montgomery

 

Auf einen Blick:

Ausstellung: Philip Montgomery. American Cycles

Ort: Phoxxi. Haus der Photographie temporär, Hamburg

Zeit: bis 10. Mai 2026. Di-So 11-18 Uhr. Jeden 1. Donnerstag im Monat 11-21 Uhr

Katalog: kostenloses Booklet, 44 Seiten. Im Aperture Verlag ist in englischer Sprache das Buch „American Mirror“ mit ausgewählten Werken Philip Montgomerys erschienen. 160 Seiten für 49,90 Euro (im Bookshop der Deichtorhallen erhältlich)

Internet: www.deichtorhallen.de
www.philipmontgomery.com

 

Dieser Text wurde bereits auf on-art.news veröffentlicht.

 

Philip Montgomery, MiKayla at home II, Kingsport, Tennessee, March 2025. © Philip Montgomery

 

 

 

FotografieGesellschaftspanoramaHamburgNadine Isabelle HenrichNew YorkNew York TimesPhilip MontgomeryPHOXXIUSA
Ausgaben DARE Stories Fotografie Gedanken zur Zeit Kunst Künstlerporträts



Nicole Buesing und Heiko Klaas
Nicole Büsing und Heiko Klaas sind seit 1997 als freie Kunstjournalisten und Kritiker für zahlreiche Magazine, Tageszeitungen und Online-Magazine tätig. Daneben schreiben sie auch Katalogbeiträge. Sie leben in Hamburg und Berlin. Regelmäßige Veröffentlichungen über Kunst und Kunstmarkt z.B. in Kunstmarkt.com, Monopol, Artmapp, Hatjecantz.de, Artist Kunstmagazin, Artline, Spiegel online, DARE, Kultur & Gespenster, Photonews, Kunsttermine, Zeitkunst, Künstler-Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Next Level, Art, Die Welt, Der Tagesspiegel, www.artlog.net, diverse regionale Tageszeitungen wie Kieler Nachrichten, Weser-Kurier, Neue Osnabrücker Zeitung, Saarbrücker Zeitung, Südkurier, Nürnberger Nachrichten, Flensburger Tageblatt, Freie Presse, etc. klaas.buesing@gmail.com




Vorheriger Beitrag
Neustart am Neckar



Auch interessant

Eintauchen ins Ungesehene

Eintauchen ins Ungesehene

04.01.26  Von Nicole Buesing und Heiko Klaas
She wants to carve the message in stone

She wants to carve the message in stone

29.12.25  Von Nicole Buesing und Heiko Klaas




Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.






Nach oben ˆ
  • Impressum
  • Redaktion & Kontakt
  • Datenschutzerklärung