Kunst zwischen Kompost und Komposition: Im Wuppertaler Skulpturenpark Waldfrieden stellt der belgische Bildhauer Peter Buggenhout herkömmliche Schönheitsvorstellungen mit seinen monumentalen Materialinteraktionen auf den Prüfstand

Skulptur von Tony Cragg im Skulpturenpark Waldfrieden, Foto: Heiko Klaas
Der Skulpturenpark Waldfrieden, gelegen auf einer bewaldeten Anhöhe oberhalb der Wuppertaler Innenstadt, geht auf eine private Initiative des britischen Bildhauers Tony Cragg zurück, der seit 1977 in der Stadt lebt und arbeitet. Er hat das nach dem Tod des Vorbesitzers lange Zeit verwaiste Anwesen samt Fabrikantenvilla und Ausflugslokal im Jahr 2006 erworben und nach und nach zu einem international bedeutenden Ausstellungsort für eigene bildhauerische Arbeiten und die Werke von ihm geschätzter Künstlerkolleg:innen weiterentwickelt. 2008 erfolgte die offizielle Eröffnung. Mehrere Dutzend Skulpturen verteilen sich heute auf eine rund 14 Hektar große Fläche. Darunter Werke so bekannter Weggefährten Craggs wie Richard Deacon, Bogomir Ecker, Eva Hild, Klaus Rinke oder Markus Lüpertz.

Tony Cragg (links) im Gespräch mit Peter Buggenhout, Foto: Heiko Klaas
Mit dem Belgier Peter Buggenhout, der in diesem Frühjahr und Sommer mit neun teils monumentalen Arbeiten zu Gast im Skulpturenpark Waldfrieden ist, gesellt sich zu dem vorhandenen Repertoire eine bildhauerische Position hinzu, die dazu geeignet ist, alle bisherigen Dimensionen und Sehgewohnheiten zu sprengen. Buggenhout ist dafür bekannt, seine Arbeiten aus einer Vielzahl disparater Materialien zusammenzustellen. Klassisch bildhauerische Werkstoffe wie Holz, Bronze, Stein, Edelstahl oder Marmor gehören in der Regel nicht dazu. Stattdessen Industrieabfälle wie rostige Eisenstangen, Vierkantprofile, Aluminiumbleche, Kunststoffverkleidungen, Bretter, Furnierholz oder Holzimitate, Fußbodenfragmente, Textilien, Bauschutt oder aufblasbare Kunststoffgebilde, die an Rettungsinseln oder Notrutschen erinnern.

Peter Buggenhout: Babel Variationen II, 2025, © Courtesy of the artist, Foto: Michael Richter
Das alles im bereits eingeleiteten Prozess der Zersetzung und zusammengehalten von Eisenkonstruktionen und Bauschaum als passendes Klebemittel. Um was es sich genau handelt, wird oft gar nicht im Detail ausgeführt. Es ist aber bekannt, dass Buggenhout durchaus auch schon Organisches wie Haare oder getrocknete Schlachtabfälle in seine Werke eingebaut hat. „Meine Arbeiten sind anziehend und abstoßend zugleich“, bekennt der von Konzepten der ebenso lust- wie leidvollen Grenzüberschreitungen in den Werken des französischen Schriftstellers und Philosophen Georges Bataille (1897-1962) beeinflusste Künstler. Die französische Psychoanalytikerin und Literaturtheoretikerin Julia Kristeva wiederum prägte in ihrem Buch „Powers of Horror“ den auch auf Buggenhouts Werk zutreffenden Terminus „Abject Art“. Darunter versteht man den künstlerischen Umgang mit dem Unappetitlichen und Abstoßenden, dass zumindest im ersten Moment Gefühle des Widerwillens, des Ekels oder gar der Angst und Bedrohung auslösen kann.

Peter Buggenhout: The Blind Leading the Blind 67, 2014 © Courtesy the artist, Foto: Michael Richter
Auf den ersten Blick klar ist: Buggenhout arbeitet ganz überwiegend mit anonymen, aus dem Wirtschaftskreislauf bereits wieder aussortierten Materialien, die, würden sie nicht durch seine Interventionen nobilitiert, längst wieder in den Mahlströmen der Kreislaufwirtschaft verschwunden wären. Bei ihm dürfen sie nun eine Art „Gnadenhofdasein“ fristen. Was sich zunächst nach unappetlichen Müll- und Schrottskulpturen anhört, entfaltet jedoch bei eingehenderer Betrachtung seinen ganz eigenen Reiz.

Peter Buggenhout: On Hold 20 (Detail), Foto: Heiko Klaas
Buggenhouts unorthodoxe Materialzusammenführungen geschehen keineswegs wahl- und planlos. Vielmehr sind alle seine Arbeiten perfekt durchkomponiert. Der Künstler arbeitet heute in einem erst 2020 bezogenen Studiogebäude in Gent. Entworfen hat es das mit der Planung von Künsterateliers erfahrene Genter Architekturbüro Coussée Goris Huyghe, das auch schon für seine Künstlerkollegen Mark Manders und Michaël Borremans tätig geworden ist. Aus einem offenbar unerschöpflichen Fundus in seinem großflächigen Atelier wählt Peter Buggenhout industriell produzierte Trümmer und Überbleibsel aus, um sie zu ganz neuen Kombinationen und skulpturalen Arrangements zu verdichten. Dass es sich dabei keineswegs um Liebesheiraten grundverschiedener, sich teilweise diametral entgegegengesetzter Materialien handelt, sonder eher um „Liaisons dangereuses“, gefährliche Liebschaften also, dürfte angesichts der Verschiedenheit der Materialien auf der Hand liegen. Wie seine komplex verschachtelten Arbeiten letztlich in die Welt kommen, kann sich Buggenhout, der ganz ohne Vorzeichnungen und Skizzen arbeitet, auch nicht so recht zu erklären: „Ich arbeite ohne zu wissen, was am Ende dabei herauskommt. Alles was ich entscheiden kann ist, wann ich aufhören will.“

Porträt Peter Buggenhout: Foto: Heiko Klaas
Weithin sichtbar und an einer markanten Stelle im Skulpturenpark Waldfrieden positioniert ist die eigens für Wuppertal entstandene Arbeit „Babel Variationen II“. Die 13 Meter aufragende rund 12 Tonnen schwere Skulptur besteht aus diversen LKW-Rahmen, samt Achsen und abgefahrenen Gummireifen, die vertikal auf massive Stahlträger montiert sind. Die in erdigem Orangerot lackierten Nutzfahrzeugteile bieten anderen Materialien gewissermaßen die Möglichkeit, sich anzudocken und die Grundstruktur nahezu parasitär zu besiedeln.

Peter Buggenhout: Babel Variationen II, 2025, © Courtesy the artist, Foto: Michael Richter
Fest steht, dass sich Buggenhouts monumentale Arbeiten einer simplen Lesbarkeit entziehen. Sie transportieren weder einfache Botschaften, noch bedienen sie irgendwelche gängigen Narrative. Buggenhout betont immer wieder den autonomen und selbstreferenziellen Status seiner Arbeiten. Sie bebildern oder kommentieren nichts. Sie sind einfach da und konfrontieren uns mit ihrer Komplexität und Rätselhaftigkeit, ohne diese in etwas leicht Verdauliches aufzulösen.
Peter Buggenhout dazu: „Ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit ist ihr nicht-symbolischer, konkreter Charakter. Ich erschaffe autonome Objekte und versuche dabei, nicht illustrativ, anekdotisch oder symbolisch zu sein.“

Peter Buggenhout: On Hold 20, 2021, © Courtesy the artist, Foto: Michael Richter
Geboren 1963 in der ostflämischen Kleinstadt Dendermonde, hat Buggenhout von 1982 bis 1986 an der Kunstakademie Sint-Lucas in Gent studiert. Übrigens zusammen mit seiner heutigen Ehefrau, der nicht minder berühmten belgischen Bildhauerin Berlinde de Bruyckere. Bis 1990 war er primär als Maler tätig, danach hat er sich der Bildhauerei zugewandt. Im Grunde aber ist er immer ein Bildproduzent geblieben. Statt Pinsel und Leinwand benutzt er heute Schweißnähte, Verschraubungen, Ausschäumungen und andere Methoden der Fixierung. Farben findet er immer noch – und zwar in Form der Oberflächen und Texturen der unablässig zerbröselnden Überbleibsel der Konsum- und Industriegesellschaft.

Peter Buggenhout: On Hold 9, 2019 © Courtesy the artist, Foto: Michael Richter
Neben zwei weiteren Freiluftarbeiten im Park sind in Wuppertal auch mehrere kleinere Formate zu sehen. Die lichtdurchflutete obere Ausstellungshalle bietet einer Wandarbeit und zwei auf Sockeln stehenden, bis zu sechs Meter hohen Skulpturen aus seiner Serie „On Hold“ das ideale Ambiente. Alle drei Arbeiten lassen sich aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Man kann sie aus der Distanz anschauen, ganz nahe an sie herangehen oder aber sie umrunden. Dabei wird man sie aus der Entfernung vielleicht eher als flächige, aus verschiedenen Farben zusammengestellte Gebilde wahrnehmen. Beim näheren Herantreten aber rücken Oberflächentexturen, Farbnuancen, Zersetzungsprozesse die Interaktion zwischen zueinander passenden, aber auch sich gegenseitig abstoßenden Materialien, die Art der Fixierung oder die Komplexität der Ein- und Durchblicke in den Fokus.

Peter Buggenhout: On Hold 20 (Detail), Foto: Heiko Klaas
Und was hat das alles mit der Welt zu tun, in der wir leben? Peter Buggenhout bringt es auf eine ebenso einfache wie nachvollziehbare Formel: „Ich vergleiche meine Arbeit oft mit einem Teller Spaghetti. Letztendlich vermischt sich alles ständig, ein Element verflechtet sich mit dem anderen, und wenn man einem Spaghettifaden folgt, weiß man nicht, wo er in dieser Masse enden wird. Das ist es, was ich tue. Und so sehe ich auch die Welt um uns herum.“

Porträt Peter Buggenhout, Foto: Heiko Klaas
Auf einen Blick:
Ausstellung: Peter Buggenhout – umleitung
Ort: Skulpturenpark Waldfrieden, Hirschstraße 12, 42285 Wuppertal
Zeit: bis 10. August 2025. Di-So 11-18 Uhr. An allen gesetzlichen Feiertagen geöffnet
Katalog: keine Publikation
Internet:
www.skulpturenpark-waldfrieden.de
www.axel-vervoordt.com
www.konradfischergalerie.de

Lektüretisch, Foto: Heiko Klaas