Die Frankfurter Crespo Foundation präsentiert mit Lisa Barnard und Isadora Romero die aktuellen Gewinnerinnen des Wettbewerbs „After Nature. Ulrike Crespo Photography Prize 2025“
„Die Fledermaus teilt viele unserer Sinne und Bewusstseinsformen: Sehen, Hören und Riechen, allerdings mit einer entscheidenden Ergänzung: die Schall- oder Echoortung“, sagt die britische Fotokünstlerin Lisa Barnard, Jahrgang 1967. Was das kleine, meist nur kurz in der Abenddämmerung mit dem Auge wahrnehmbare Flugtier uns entscheidend voraus hat, ist die Fähigkeit, Objekte in seiner Umgebung in Abstand, Größe, Gestalt, Bewegung und Struktur genau vermessen zu können und aus den gewonnenen Daten seine Flugbahn zu berechnen. „Die Fledermaus ist eine komplexe Form von Sehmaschine“, so Lisa Barnard. Ihre Faszination für die fliegenden Säugetiere, von denen es weltweit rund 1270 Arten gibt, was rund ein Fünftel aller Säugetierarten überhaupt ausmacht, hat Barnard an abgelegene Orte reisen lassen, die gewöhnliche Reisende nicht aufsuchen oder nur im Transit durchqueren.

Ausstellungsfoto Crespo Open Space © Jens Gerber
So zum Beispiel zum Yolo Causeway, einem auf Hunderten von Betonpfeilern aufgeständerten Highway vor den Toren der kalifornischen Stadt Sacramento, der über ein sumpfartiges Überschwemmungsgebiet führt. Eine Viertelmillion Fledermäuse lebt unterhalb dieser rund fünf Kilometer langen Brücke. Barnard hat sie besucht und zusammen mit Fledermausschützer:innen von der Organisation Los Angeles Bat Rescue ihre Flugbahnen kartiert. Aus dem gewonnenen Material sind mehrere künstlerische Arbeiten entstanden, darunter eine in ständiger Bewegung befindliche „Fledermauswolke“, die mit der Hilfe lernender Algorithmen erstellt wurde. Zu sehen sind ihre Arbeiten jetzt in der Ausstellung „You Only Look Once“ im Rahmen des „After Nature. Ulrike Crespo Photography Prize 25“ im Crespo Open Space in Frankfurt. Die Beschäftigung mit der Wahrnehmung und dem Verhalten von Fledermäusen repräsentiert allerdings nur einen kleinen Teilaspekt ihrer Arbeit. Doch dazu später mehr.

Ausstellungsfoto Crespo Open Space © Jens Gerber
Lisa Barnard ist nämlich nur eine der beiden Preisträgerinnen des After-Nature-Preises. Der seit 2024 verliehene Preis gilt als zweithöchster Fotografiepreis in Europa. Jedes Jahr werden zwei Positionen mit insgesamt 80.000 Euro Preisgeld geehrt, dazu kommen Ausstellungen in Berlin und Frankfurt sowie eine Katalogproduktion. Die zweite Preisträgerin heißt Isadora Romero und stammt aus Ecuador. Isadora Romero, Jahrgang 1987, betitelt ihre Ausstellung „Notes on How to Build a Forest“. Sie beschäftigt sich darin auf vielfältige Weise mit den Nebelregenwäldern ihres Heimatlandes. Im Mittelpunkt ihrer Untersuchungen steht nicht zuletzt die indigene Bevölkerung dieser Biotope und deren Bemühen, die durch die Kapitalinteressen internationaler Konzerne bedrohte Natur zu erhalten. Beide Ausstellungen waren zunächst bei C|O Berlin zu sehen. Für die zweite Station in Frankfurt hat Ben Livne Weitzman, der Kurator der Crespo Foundation, sie jetzt in den Räumen der Stiftung neu eingerichtet.

Eine Schlange schaut uns an, 2024 © Isadora
Romero
Obwohl die beiden Künstlerinnen ganz unterschiedliche Bildsprachen haben und zwei verschiedenen Generationen entstammen, gibt es doch eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten. Beide benutzen die Fotografie im Sinne von Artistic Research als Medium der kritischen Reflexion sozialer, politischer und ökologischer Phänomene. Beide betreiben aber auch keine knochentrockene Form von Dokumentarfotografie, sondern reichern ihre Werke mit einer großen Bandbreite künstlerischer Ideen und Umsetzungen an. Dabei gehen beide weit über die klassisch gerahmte Fotografie an der Wand hinaus und integrieren zum Beispiel Aufnahmen elektronischer Medien wie Video, Wärmebildkameras, KI-gestützten Segmentierungssystemen oder Nachtsichtgeräten, Tonaufnahmen, musikalische Kompositionen und diverse Archivalien in ihre Ausstellungen.

Brachland während der jüngsten Santa-Ana-Winde im
Januar 2025, Anza-Borrego State Park, Kalifornien,
2025 © Lisa Barnard
Programmatischer Ausgangspunkt der Aufnahmen von Lisa Barnard ist der Saltonsee, der durch einen Dammbruch im Jahre 1905 entstandene größte Binnensee Kaliforniens. Das heute hochgradig mit giftigen Chemikalien und Düngemittelrückständen verseuchte Gewässer diente der US-Army im Zweiten Weltkrieg als Testareal für die Erprobung der Treffgenauigkeit des Atombombentyps, mit dem Hiroshima und Nagasaki zerstört wurden. Zudem wird hier heute Lithiumkarbonat abgebaut, genau der Rohstoff, der die zunehmend KI-gesteuerten Systeme unserer modernen Lebenswelt am Laufen hält. Barnards zwischen Schönheit und Dystopie changierende Aufnahmen zeigen wüstenartig-zerklüftete Landschaften, die Algenblüte im rotgefärbten Wasser des Sees, Schlammlöcher, Industrieanlagen, aber auch die immer noch sichtbaren Zielplattformen der US-Army aus den Jahren 1944 und 1945. Lisa Barnard flankiert ihre eigenen Aufnahmen mit einer Reihe von Archivbildern, etwa Aufnahmen, die Bombenschützen des B-29-Bombers „Enola Gay“ mit dem Norden-Zielgerät zeigen, einem Vorläufer heutiger zielsuchender Raketen und Marschflugkörper. Angesichts der täglich auf uns einflutenden Medienbilder des Kriegsgeschehens in Israel, im Iran, im Libanon und den Golfstaaten ist das von höchster Aktualität.

Ausstellungsfoto Crespo Open Space © Jens Gerber
Ebenso zeigt sie Luftaufnahmen der nahezu ausgelöschten Städte, die wenige Tage nach der Bombardierung entstanden. Mit einer Reihe grünlich schimmernder, kreisförmiger Aufnahmen begibt sich Barnard dann auf ästhetisch spannendes, rechtlich aber ungesichertes Terrain. Diese Bilder, die Geothermiekraftwerke am Saltonsee zeigen, sind mit der Hilfe militärischer Nachtsichttechnologie entstanden, einem Verfahren, dessen Verwendung britischen Staatsbürgern in den USA eigentlich untersagt ist. Barnard hat daher eine amerikanische Kollegin für die Betätigung der Kamera hinzugezogen. Entstanden ist eine Serie tondoförmiger Aufnahmen von sublimer Morbidität.

Ausstellungsfoto Crespo Open Space © Jens Gerber
Intensiv auseinandergesetzt hat sich Lisa Barnard zudem mit autonomen Fahrsystemen, wie sie von der Automobilindustrie zunehmend angeboten werden. So war sie etwa mit der Kamera auf dem Gelände des Transportation Research Centers in der Nähe von San Francisco unterwegs. Auf dem weitläufigen Areal eines ehemaligen Militärflughafens „lernen“ selbstfahrende Autos in simulierten Stadtlandschaften, Hindernisse zu erkennen und Schilder, Ampeln oder Fahrbahnmarkierungen richtig zu interpretieren. Barnards Aufnahmen zeigen uns Kreuzungen und Kreisverkehre zur Blauen Stunde. Menschen sind auf diesen Bildern keine zu sehen. Die Künstlerin war zudem in den selbstfahrenden Robo-Taxis der Firma Waymo unterwegs, die in Städten wie San Francisco, Los Angeles oder Austin längst zum Straßenbild gehören und sich mittels Radar, Sonar und elektromagnetischer Wellen orientieren. Alles Fähigkeiten, die sie von den Fledermäusen abgeschaut haben könnten.

Selbstporträts, aufgenommen mit einem helm.ai-Sys-
tem vor dem Hauptsitz von Facebook, Menlo Park,
Kalifornien, 2023 © Lisa Barnard
Sie zeigt aber auch ein Selbstporträt, das auf der Objekterfassungssoftware von Waymo basiert und lässt ebenso auch die Besucher:innen ihrer Frankfurter Ausstellung von automatisierten Wahrnehmungsapparaten erfassen. Ihre Bildsprache geht dabei weit über fotografische Standards hinaus. So zeigt sie zum Beispiel auch Siebdrucke mit grobkörnigen Nahaufnahmen der Fahrertüren von Tesla Cybertruck Prototypen. Elon Musk, laut Barnard zusammen mit George Bezos „ein arroganter Argonaut, der technokratische Ausbeutung betreibt“, hatte das Fahrzeug in bester Al-Capone-Manier mit Salven aus einem Maschinengewehr beschießen lassen, um werbewirksam seine Robustheit zur Schau zu stellen. Und tatsächlich sind bis auf ein paar kleinere Dellen keine größeren Beschädigungen zu sehen. Barnard markiert einige davon mit scheinbar bedeutungsschwangeren Pfeilen in Schwarz, Rot, Gelb und Blau. Durch diese Farbcodierung schafft sie rätselhafte narrative Dissonanzen, die letzten Endes Schabernack mit der Wahrnehmung der Betrachter:innen treiben. Was überwiegt eigentlich? Die Annehmlichkeiten des technologischen Fortschritts oder die zunehmende Abhängigkeit des Menschen von ihn lenkenden Wahrnehmungsapparaten? Indem sie mit ihrer Kunst Fragen wie diese stellt, schärft Lisa Barnard unseren Blick auf die engen Verflechtungen von ziviler und militärischer Nutzung und die Zweischneidigkeit vermeintlich harmlos-nützlicher Erfindungen.

Tage der Wiederaufforstung, Dia-Archiv der Gemein-
de Yunguilla, mit Pilzbefall © Isadora Romero
Isadora Romero entführt die Betrachter:innen in eine ganz andere Welt. Für ihr breit angelegtes fotografisches Projekt „Notes on How to Build a Forest“ hat sie sich in die bedrohten Nebelregenwälder ihrer ecuadorianischen Heimat begeben. Diese Landschaftsform ist extrem reich an Tier- und Pflanzenarten, macht aber insgesamt weniger als 0,2 % der Erdoberfläche aus. Die auch als „Wolkendschungel“ bezeichneten Ökosysteme zeichnen sich durch dauerhaften Nebel aus, der die Strahlkraft des Sonnenlichts stark moduliert und abmildert.
Entstanden ist ein ebenso vielschichtiges wie sensibles Porträt von Menschen, Tieren und Pflanzen in einem sehr speziellen Lebensraum, der weltweit seinesgleichen sucht. Isadora Romero begreift sich als visuelle Erzählerin. In ihrer Arbeit spielen kollaborative Elemente eine große Rolle. So hat sie sich für dieses Projekt mit Naturwissenschaftler:innen, Aktivist:innen, lokalen Künstler:innen und Menschen aus den hier lebenden und arbeitenden Mestizo-Communities zusammengetan, um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsperspektiven dieser Biotope zu erforschen und in visuell innovative Artefakte umzusetzen. Ihr Ansatz gründet dabei auf einer dekolonialen lateinamerikanischen Perspektive.

Yunguilla, 2025 © Isadora Romero
Eine entscheidende Rolle bei ihrer Annäherung an das Phänomen Wald spielt auch die sich allmählich durchsetzende Auffassung, dass bestimmte Teile des tropischen Regenwaldes im Gegensatz zu stereotypen westlichen Sichtweisen weit mehr als bloß einen idyllischen Gegenpol zur menschlichen Zivilisation darstellen. Vielmehr werden sie aus heutiger Sicht als Schauplatz und Austragungsort zivilisatorischer Prozesse betrachtet. Archäologische Funde, aber auch die tief in die Waldböden eingegrabenen Spuren Jahrtausende alter, also präkolumbianischer Handelsrouten weisen darauf hin, dass tropische Wälder keineswegs gänzlich unberührt von kommerziellen, kulturellen, sozialen und politischen Aktivitäten des Menschen waren. In Form dreidimensionaler Renderings zeigt Isadora auf bunten und farbig changierenden Stoffen arrangierte Tongefässe, Flöten, Tierskulpturen oder mythische Fabelwesen, die sie in den Sammlungen lokaler Museen entdeckt hat. Sie persifliert damit traditionelle Verfahren der ethnografischen Objektfotografie westlicher und damit kolonialer Schule. Indem sie das dort meist vorherrschende objektivierende Schwarz-Weiss spielerisch-subversiv durch eine intensive Farbigkeit ersetzt, erobert sie die Deutungshoheit über diese Artefakte für ihre rechtmäßigen Besitzer:innen wieder zurück.

Ausstellungsfoto Crespo Open Space © Jens Gerber
Eines der beiden von Isadora Romero bereisten Gebiete trägt den Namen Reserva Ecológica Mache-Chindul. Das 119.000 Hektar große Areal gilt seit 30 Jahren als Schutzgebiet. Es könnte für andere tropische Wälder rund um den Globus als Vorbild dienen. Denn hier, und das zeigen Romeros Aufnahmen besonders eindrücklich, gelingt es, durch nachhaltige Land- und Forstwirtschaft die Bedürfnisse der Bewohner:innen nach Beschäftigung und Gelderwerb mit den ökologischen Erfordernissen des Naturraumes in Einklang zu bringen. Das Zeitalter der kreischenden Motorsägen und des unkontrollierten Bäumefällens ist hier endgültig vorbei. Dafür werden jetzt unter anderem Bananen und Kakaopflanzen kultiviert. Isadora Romero zeigt den respektvollen und in die Zukunft gerichteten Umgang der Menschen mit ihrer unersetzlichen natürlichen Umgebung auf zahlreichen einfühlsamen Porträts von Personen, die ihr bei ihrer Recherche begegnet sind. Manche davon interagieren mit Tieren oder Pflanzen, andere zeigen mit ihrer Kleidung, Schmuck und Accessoires, dass man auch weitab von der urbanen Zivilisation Individualität ausleben und menschliche Würde ausstrahlen kann.

Nachtsichtaufnahmen von Geothermiekraftwerken
am Salton Sea, Niland, Kalifornien, 2023
© Lisa Barnard
Mit dem „After Nature. Ulrike Crespo Photography Prize“ sollen laut der Ausschreibung Projekte gefördert werden, „die neue Perspektiven auf das Zusammenspiel von Gesellschaft, Umwelt und Technologie eröffnen und über vertraute Erzählungen hinausdenken“. Beide Preisträgerinnen erfüllen diese Vorgaben aufs Vorzüglichste. Die sehr sehenswerte, von Ben Livne Weitzman mit viel kuratorischem Fingerspitzengefühl eingerichtete Frankfurter Ausstellung führt das eindrucksvoll vor Augen.

Ausstellungsfoto Crespo Open Space © Jens Gerber
Auf einen Blick:
Ausstellung: After Nature. Ulrike Crespo Photography Prize 25
Lisa Barnard – You Only Look Once
Isadora Romero – Notes On How To Build A Forest
Ort: Open Space im Crespo Haus, Frankfurt
Zeit: bis 31. Mai 2026. Mo, Do, Fr 14-20 Uhr. Sa, So 11-18 Uhr
Kataloge: Lisa Barnard. 156 S., 67 Abb., 18 Euro
Isadora Romero. 156 S., 86 Abb., 18 Euro
Internet: www.crespo-foundation.de

Ausstellungsfoto Crespo Open Space © Jens Gerber

