• Kunst & Überdies
    • Ausstellungen
    • Fotografie
    • Design & Architektur
    • Film
    • Theater & Bühne
  • Künstlerporträts
  • Digitales Leben
  • Gedanken zur Zeit
  • Über DARE
    • Redaktion & Kontakt
    • Ausgaben
  • Kunst & Überdies
    • Ausstellungen
    • Fotografie
    • Design & Architektur
    • Film
    • Theater & Bühne
  • Künstlerporträts
  • Digitales Leben
  • Gedanken zur Zeit
  • Über DARE
    • Redaktion & Kontakt
    • Ausgaben

Als die Bilder denken lernten

22.05.26  Von Nicole Buesing und Heiko Klaas


Die Kunsthalle Lingen zeigt in der Ausstellung „Zeitfragmente“ fünf den Intellekt der Betrachter:innen herausfordernde Mixed Media Installationen des Berliner Künstlers Daniel Laufer

Die Kunsthalle Lingen zeigt zur Zeit unter dem Titel „Zeitfragmente“ eine umfangreiche Einzelausstellung des medienübergreifend arbeitenden Berliner Künstlers Daniel Laufer. Laufer arbeitet in den Medien Film bzw. Video, Fotografie, Malerei, Zeichnung, Skulptur, Objektkunst, Installation und Bühnenbild. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, da gerade diese mediale Offenheit zu den Charakteristika seiner Arbeitsweise gehört. Jenseits der bildenden Kunst ist er aber auch als Drehbuchautor, Regisseur, Produzent und immer wieder auch als Schauspieler bzw. Darsteller tätig. Letztlich greifen alle diese Aspekte ineinander und bedingen vielschichtige, mit viel Content, aber auch mit medientheoretischen, historischen oder philosophischen Reflexionen angereicherte Werkkomplexe. Man könnte sagen, seine Arbeiten sind so etwas wie installative Erweiterungen des Mediums Film. Oder vielleicht auch umgekehrt? Fest steht jedenfalls, dass er die intermedialen Aspekte beim Übertritt eines Objekts oder Narrativs von einem Medium ins andere sicht- und erfahrbar macht. Studiert hat der 1975 in Hannover geborene Künstler bei Marina Abramovic, Birgit Hein und Walter Dahn an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. 2005 machte er dort seinen Abschluss.

 

Daniel Laufer: Train of Thought, Foto: Roman Mensing

Gleich beim Betreten der hohen und jetzt im Frühjahr besonders vom Tageslicht durchfluteten Lingener Ausstellungshalle in den Räumen eines ehemaligen Eisenbahnausbesserungswerks aus dem 19. Jahrhundert stößt man auf Daniel Laufers Videoinstallation „Train of Thought“ aus dem Jahr 2015. Was zunächst ins Auge fällt, ist ein historisch anmutendes Arrangement aus einem opulenten Perserteppich, auf welchem ein runder Tisch aus dunklem Holz und ein Lehnstuhl platziert sind. Auf dem Tisch wiederum befindet sich ein kleiner „Handapparat“ aus antiquarischen Büchern in hebräischer Sprache. Dieser wird von zwei antik wirkenden Buchständern in Form von Miniweltkugeln gestützt. Komplettiert wird dieses Setting noch durch ein Wasserglas mit Fake-Eiswürfeln und dem darin liegenden Modell eines kleinen Segelschiffs. Das Ganze erinnert an die inszenierende, oft nur Authentizität vorgaukelnde Ausstellungspraxis, wie man sie aus Dichter-, Komponisten-, Künstler- oder Wissenschaftlerhäusern kennt. Frei nach dem Motto: Hier hat XY also gesessen und diese oder jene geistige Leistung hervorgebracht. Das Ergebnis sind oft romantisch verklärte Pseudowirkungsstätten, die vom breiten Publikum jedoch bereitwillig goutiert werden.

 

Daniel Laufer: Train of Thoughts, Detail, Foto: Roman Mensing

Bei Daniel Laufer geht es aber um etwas anderes. Dieses Möbelarrangement ist nur ein Element einer mehrteiligen Arbeit, die gleichsam wie ein Prototyp für Laufers andere „Situationen“ wirkt. Es handelt sich jeweils um Videoarbeiten, die von weiteren Artefakten, Requisiten oder technischen Gerätschaften und Hilfsmitteln aus der Filmproduktion flankiert werden. In diesem Fall entführt uns der Künstler auf der filmischen Ebene an den Stadtrand von Paris. Die Kamera folgt einer Protagonistin in eine offen stehende Villa mit Garten, in welcher wir den physisch im Ausstellungsraum präsenten Objekten wieder begegnen. Daneben gibt es eine zweite Protagonistin und auch Daniel Laufer selbst, neutral und zeitlos gekleidet mit weißem Hemd und schwarzem Sakko, ist zugegen. Seine Art, durch die Räume zu schreiten, Bücher aus dem Regal zu ziehen, Schiffsmodelle und das Mobiliar zu begutachten, ähnelt dabei der eines mit größtmöglicher Diskretion vorgehenden Forschers oder Spurensuchers, der für die anderen mehr oder weniger unsichtbar durch die Räume wandert. Die drei scheinen denn auch nicht wirklich voneinander Notiz zu nehmen. „Train of Thought“ besteht aber noch aus weiteren Elementen. So greifen an der Wand hängende Gemälde und Spiegel, in welchen wir als Publikum uns selbst erblicken, einzelne Motive aus dem Film wieder auf bzw. führen die im Film angedeuteten Themen und Fragestellungen fort. Oder ist es anders herum? Was war eigentlich zuerst da? Der Film oder die Rauminstallation? Laufer regt die Betrachter:innen dazu an, sich über Fragen dieser Art ein eigenes Bild zu machen.

 

Daniel Laufer: Timeline, Detail, Foto: Roman Mensing

Tatsache ist jedoch, dass Laufer mit dieser Arbeit auf ein literarisches Vorbild aus dem späten 18. Jahrhundert rekurriert. Und zwar auf das Werk „Reise um mein Zimmer“ (1795) des französischen Schriftstellers Xavier de Maistre (1763-1852). Mit diesem Werk begründete de Maistre ein eher marginales, aber umso interessanteres literarisches Genre, nämlich das der sogenannten „Zimmerreise“. Darunter versteht man das intensive Sich-Einlassen auf die eigene unmittelbare Alltagsumgebung und die darin befindlichen Objekte. Die Maserung von Holz, das in den Raum hereinfallende Licht, Schattenwürfe, die Oberflächenstruktur eines Buchumschlags, die verschlungenen Muster eines Teppichs. All das kann Anlass sein, sich auf eine imaginäre Reise nach der verborgenen Welthaltigkeit der eigenen vier Wände zu begeben, ohne irgendeinen Ortswechsel vorzunehmen. Übrigens hatte der tschechische Fotograf Josef Sudek (1896-1976) einen ganz ähnlichen Ansatz. Für seine berühmte Serie „Das Fenster meines Ateliers“ fotografierte er vor der Folie der oft beschlagenen oder mit Regentropfen benetzten Scheibe seines in einem Hof befindlichen Ateliers die Objekte auf der Fensterbank und den Wechsel der Jahreszeiten.

 

Daniel Laufer: Train of Thought, Detail, Foto: Roman Mensing

Die letzte Arbeit auf dem Lingener Ausstellungsparcours trägt den Titel „MacGuffin of a Daydream“ (2025) und besteht aus einer filmischen Ebene, die auf einem flach auf dem am Boden liegenden Flatscreen gezeigt wird, sowie weiteren im Realraum befindlichen Elementen. Angesichts des etwas rätselhaften Titels lohnt an dieser Stelle ein kleiner filmtheoretischer Exkurs. Ein MacGuffin ist ein Handlungselement – er kann ​​ein Objekt sein, aber auch ein der Geschichte innewohnendes Geheimnis oder ein ideelles Ziel – das die Handlung einer Geschichte vorantreibt und die Protagonist:innen charakterisiert. Für sich genommen, kann er jedoch relativ bedeutungslos sein. Von Alfred Hitchcock populär gemacht, fungiert der MacGuffin als „Vorwand für die Handlung“ – etwa in Form gestohlener Dokumente, geheimnisvoller Aktentaschen oder Briefumschläge, eines Schatzes oder eines Rätsels. Dieses Instrument wird in Film und Literatur häufig eingesetzt, um eine Geschichte in Gang zu bringen. Er ist also eine Art Katalysator oder Antreiber der Erzählung. Der Malteser Falke aus dem gleichnamigen Film ist ebenso ein MacGuffin wie der Umschlag mit gestohlenem Geld in „Psycho“.

 

Daniel Laufer: MacGuffin of a Daydream, Foto: Roman Mensing

Alfred Hitchcock hat denn auch eine einfache Begriffsbestimmung formuliert: „It’s the thing that the characters on screen worry about, but the audience don’t care“.

In „MacGuffin of a Daydream“ zu sehen ist ein kleines Mädchen, das davon träumt, sich in ein Huhn zu verwandeln. Gleichzeitig recherchiert ein männlicher Protagonist in einem Buch über den italienischen Universalgelehrten, Humanisten und Kunsttheoretiker Leon Battista Alberti, einen der wichtigsten Repräsentanten und Vordenker der Renaissance. Das sechsjährige Kind, das sich einmal selbst als Prinzessin bezeichnet, reflektiert mit den Worten und Formulierungen einer erwachsenen Person über Selbsterkenntnis durch das Annehmen mehrfacher Identitäten, Erkenntnisgewinn durch das Hören auf innere Stimmen und das Sich-Einlassen auf Geschichten aller Art. Zwischenauftritte haben der Vater des Kindes, ein echtes Huhn und medizinisches Personal. Wobei Stimmen, Personen und innere Monologe stellenweise miteinander zu verschmelzen scheinen. Alles in allem transportiert die Handlung den flammenden Appell, sich auf Erzählungen aller Art als Mittel der Welt- und Selbsterkenntnis neugierig und vorbehaltlos einzulassen.

 

Daniel Laufer: MacGuffin of a Daydream, Detail, Foto: Roman Mensing

Diese Arbeit ist wiederum eingebettet in eine kleine Gruppe von Wandarbeiten, die auf den ersten Blick so wirken, als habe man mit Werbestickern und Plakaten beklebte Teile von roten Klinkerwänden samt der Abrisse, Graffiti, Überklebungen und kapitalismuskritischen Sprüchen einfach in den Ausstellungsraum transferiert. Was wie im Stadtraum gefunden aussieht und im ersten Moment an Décollage-Arbeiten der französischen Nouveaux Réalistes um Raymond Hains und Jacques de la Villeglé aus den 1960er Jahren erinnert, ist bei Daniel Laufer allerdings bis ins letzte Detail selbst gefertigt. So nimmt er dann etwa den Erzählfluss des Films wieder auf, indem er einen Aushang für „Creative Writing Workshops“ nachahmt und selbstironisch mit dem handschriftlichen Kommentar „The Best Stories Never Make Sense“ versieht. Hier, wie auch in anderen Arbeiten verwendet Daniel Laufer auch Profi-Dreibein-Stative der Marke Avenger mit verchromten Stahlarmen, um weitere Elemente wie eigene Gemälde oder ein Silbertablett in seine installativ erweiterten filmischen Arbeiten einzubringen.

 

Daniel Laufer: MacGuffin of a Daydream, Detail, Foto: Roman Mensing

Der Rekurs auf den filmischen Apparatus taucht dann auch an anderer Stelle wieder auf, etwa wenn Daniel Laufer ganze Wände in der Lingener Ausstellung monochrom in Blau streicht, um den Blick der Betrachter:innen auf die als Bluebox bzw. Greenbox bezeichneten Verfahren der farbbasierten Freistellung von Personen und Objekten zu lenken.

 

Daniel Laufer: Zeitfragmente, Ausstellungsansicht, Foto: Roman Mensing

In der Arbeit „Timeline“ (2019) untersucht Daniel Laufer das Zusammenspiel von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, indem er mittels filmischer Methoden gegen das Konzept der Linearität anarbeitet.

Und in „The Geometry of Hope“ (2022), der mit knapp 30 Minuten längsten Arbeit in der Lingener Ausstellung, wendet er sich einem heute kontrovers betrachteten Buch zu, das über viele Generationen hinweg Pflichtlektüre im Deutschunterricht war. Annette von Droste-Hülshoffs 1842 erschienene Erzählung „Die Judenbuche“ enthält aus heutiger literaturwissenschaftlicher Sicht etliche antisemitische Stereotype. Daniel Laufer unterzieht den Stoff einer Art Revision, indem er eine Nebenfigur der Erzählung, nämlich die Witwe des Mordopfers Aron, zur Protagonistin macht. Deren Sätze collagiert er mit Textsequenzen aus der Tagesschau zu einem Konglomerat, in welchem die Not eines Individuums, sich exakt an etwas Traumatisches zu erinnern, auf die offiziöse Sprache eines heutigen Nachrichtenmediums trifft.

Daniel Laufer: Zeitfragmente, Ausstellungsansicht, Foto: Roman Mensing

Daniel Laufers Ausstellung konstruiert auf vielfältige Art und Weise Dialoge zwischen bewegten und unbewegten Bildern. Sie operiert dabei an der Schnittstelle medialer Übergangsphänomene, und sie bringt ihr Publikum dazu, sich mit grundsätzlichen Fragen bezüglich der Konstruktion von Erinnerung im Spannungsfeld von Dokumentation, Historizität, Temporalität und der Lust am freien Erzählen zu stellen.

Walter Benjamin schreibt: „Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die Vergangenheit festzuhalten“. Daniel Laufer würde diesen Satz sicherlich unterschreiben.

Daniel Laufer: Train of Thought, Detail, Foto: Roman Mensing

 

Auf einen Blick:

Ausstellung: Daniel Laufer. Zeitfragmente

Ort: Kunsthalle Lingen

Zeit: bis 7. Juni 2026. Di-Fr 10-17 Uhr. Sa/So/Feiertage 11-17 Uhr

Katalog: kostenlose Begleitbroschüre

Internet: www.kunsthallelingen.de
www.daniellaufer.info

••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••

 

Daniel Laufer: Zeitfragmente, Ausstellungsansicht, Foto: Roman Mensing

Annette von Droste-HülshoffDaniel LauferFilmInstallationKunsthalle LingenLeon Battista AlbertiWalter BenjaminXavier de MaistreZeitfragmente
Ausgaben Ausstellungen DARE Stories Film Gedanken zur Zeit Kunst Künstlerporträts



Nicole Buesing und Heiko Klaas
Nicole Büsing und Heiko Klaas sind seit 1997 als freie Kunstjournalisten und Kritiker für zahlreiche Magazine, Tageszeitungen und Online-Magazine tätig. Daneben schreiben sie auch Katalogbeiträge. Sie leben in Hamburg und Berlin. Regelmäßige Veröffentlichungen über Kunst und Kunstmarkt z.B. in Kunstmarkt.com, Monopol, Artmapp, Hatjecantz.de, Artist Kunstmagazin, Artline, Spiegel online, DARE, Kultur & Gespenster, Photonews, Kunsttermine, Zeitkunst, Künstler-Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Next Level, Art, Die Welt, Der Tagesspiegel, www.artlog.net, diverse regionale Tageszeitungen wie Kieler Nachrichten, Weser-Kurier, Neue Osnabrücker Zeitung, Saarbrücker Zeitung, Südkurier, Nürnberger Nachrichten, Flensburger Tageblatt, Freie Presse, etc. klaas.buesing@gmail.com




Vorheriger Beitrag
Den neuen Faschismen die Stirn bieten



Auch interessant

She wants to carve the message in stone

She wants to carve the message in stone

29.12.25  Von Nicole Buesing und Heiko Klaas
Im Wechselbad von Licht und Sound

Im Wechselbad von Licht und Sound

04.08.25  Von Nicole Buesing und Heiko Klaas




Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.






Nach oben ˆ
  • Impressum
  • Redaktion & Kontakt
  • Datenschutzerklärung