Interview mit der New Yorker Künstlerin Josephine Meckseper anlässlich ihre Ausstellung „Sechs Fünf Vier Drei Zwei“ im Kunstverein Heppenheim
Nicole Büsing & Heiko Klaas: Uns würde interessieren, wie der Kontakt zum Kunstverein Heppenheim zu Stande gekommen ist. Kanntest du die Institution schon länger? Was hattest du über sie gehört? Und wie kam es letztendlich zu der Ausstellung?
Josephine Meckseper: Die Ausstellung kam durch meinen Künstlerfreund Gregor Hildebrandt zustande. 2019 stellte ich in seinem Projektraum ‚Grzegorzki Shows‘ in Berlin aus – Bilder, die auf Miami-Beach-mäßigen Badehandtüchern gemalt waren. Uwe Emig, der Leiter des Kunstvereins Heppenheim, kam bei der Ausstellung vorbei und lud mich wenig später ein, die Arbeiten in Heppenheim auszustellen. Dann kam der Tod meines Vaters, Covid, ein Autounfall und vieles andere dazwischen und ich musste die Ausstellung mehrmals verschieben.

Kunstverein Heppenheim, Außenansicht, Foto: Jens Gerber
NB & HK: Die Ausstellung findet ja in den ehemaligen Räumen einer kleinen Bäckerei statt. Diese wurde einst von der Familie des im April verstorbenen Berliner Künstlers und Hochschullehrers Thomas Zipp (1966-2026) betrieben. Du bist ja schon immer an Schaufenstern und Warendisplays sehr interessiert gewesen. Inwiefern kam die vorgefundene räumliche Situation dir entgegen?
JM: Der Kontext ist für meine Arbeiten perfekt. Die ursprüngliche Idee für die Ausstellung war, neben den Handtuchbildern, meine große Schaufensterinstallation „Verbraucherzentrale“ von 2006 zu zeigen. Aus logistischen Gründen ließ sich dies 2026 nicht mehr verwirklichen, außerdem wollte ich neuere Arbeiten zeigen, die das vorhandene, ehemalige Bäckereischaufenster miteinbeziehen. Die Idee hinter meinen Glasvitrinen und Schaufensterinstallationen hat ja einen europäischen Hintergrund – Walter Benjamins Arcade Project und Mies van der Rohes Glass Pavillons sowie die Frage, wie sich die Frühmoderne und die Avantgarde als ästhetische und politische Gegenbewegung zu Neoklassizismus und Kapitalismus entwickelten. Und die Straße als politischen und kommerziellen Raum zu betrachten und in diesem Kontext in gewisser Weise eine Art Inszenierung des Banalen anzustreben. Es geht mir dabei auch immer darum, den Stellenwert der Straße als Bühne des Widerstands zu betrachten, wie also die Schaufenster zu Angriffspunkten oder Zielscheiben bei Demonstrationen werden können.

Josephine Meckseper: Sechs Fünf Vier Drei Zwei, Foto: Jens Gerber
NB & HK: Heppenheim hat 28.000 Einwohner, New York ca. 8,5 Millionen. Was reizte dich daran, in einem derart überschaubaren Ort auszustellen?
JM: Der 2. Weltkrieg riss eine große Schneise in die kleine hessische Stadt Heppenheim, und auch die Bäckerei wurde beschädigt. Aus den Ruinen der Nachkriegswelt, entstanden dann neue Einkaufsstraßen im Stil der 1950er Jahre. Diese Haupteinkaufsstrasse verläuft im Tal, unterhalb der mittelalterlichen Altstadt, Richtung Bahnhof. Der Kunstverein Heppenheim, in der Bahnhofstrasse 1, ist sozusagen der Endpunkt dieser Passage und das große Fenster rechtwinklig zur Einkaufspassage ausgerichtet. In meinen Installationen geht es immer auch um den Bruch in der Moderne — wie zum Beispiel ihre Errungenschaften, etwa das Bauhaus, durch den Faschismus und den 2. Weltkrieg unterbrochen wurde, und die Migrationswelle jüdischer Intellektueller, und Künstler in die USA, dort nachhaltig die kulturelle Produktion beeinflusste. Dabei ist besonders Theodor Adornos Kritik an der amerikanischen Unterhaltungsindustrie wichtig und wie sie sich auf die heutige Zeit anwenden lässt.

Josephine Meckseper: Sechs Fünf Vier Drei Zwei, Foto: Jens Gerber
NB & HK: Und wie haben dir die Abläufe dort gefallen? Welchen Grad an Professionalität hast du dir zuvor gewünscht? Und welchen hast du vorgefunden?
JM: Es ging bei diesem Projekt weniger um Erwartungshaltungen oder Perfektion, sondern vielmehr, um ein beidseitiges Interesse zusammen ein Projekt zu machen. Ich war immer ein großer Fan von Thomas Zipp und sehr traurig über seinen frühen Tod. Beim Aufbau der Ausstellung im Kunstverein, unterhielt ich mich mit seiner Mutter über Thomas, die alte Backstube und unsere Lieblingsgebäcke, wie zum Beispiel Springerle, die typisch für die Gegend sind.

Josephine Meckseper: Sechs Fünf Vier Drei Zwei, Foto: Jens Gerber
NB & HK: Vielleicht noch ein paar Bemerkungen zum Publikum. Wie hast du die Besucher:innen empfunden? War das ein informiertes Publikum, das deine Arbeiten schon kannte?
JM: Anke Emig, promovierte Kunsthistorikerin hielt eine sehr einfühlsame und gelungene Rede bei der Eröffnung über die ich mich und das Publikum sich sehr gefreut hatten.Es war spannend zu sehen, wie sich die Ausstellung in das tägliche Straßenbild integriert und Leute die am Kunstverein vorbeilaufen, zum Beispiel auf dem Weg zum Handwerkerladen nebenan, reagieren. Prinzipiell sind meine Arbeiten oft so konzipiert, dass sie für alle zugänglich sind, und auf verschiedenen Ebenen funktionieren können.

Josephine Meckseper: Sechs Fünf Vier Drei Zwei, Foto: Jens Gerber
NB & HK: Nach dieser Erfahrung. Hast du jetzt Lust bekommen, häufiger in kleinen Institutionen wie dieser auszustellen. Zum Beispiel auch in Amerika…
JM: Viele meiner Arbeiten sind großformatig und besser in größeren Räumlichkeiten auszustellen. Meine größten Skulpturen sind fast acht Meter hoch. Aber im richtigen Kontext, wie in Heppenheim und bei Grzegorzki Shows, stelle ich sehr gerne in kleineren Institutionen aus.
NB & HK: Liebe Josephine, wir danken dir für das Gespräch.

Porträt Josephine Meckseper, Foto: Ralf Mitsch
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Auf einen Blick:
Ausstellung: Josephine Meckseper – Sechs Fünf Vier Drei Zwei
Ort: Kunstverein Heppenheim, Bahnhofstr. 1, 64646 Heppenheim
Zeit: bis 16.8.2026. Sonntags von 16 – 18 Uhr. Und nach individueller Terminvereinbarung unter kvheppenheim@gmail.com
Katalog: keine Publikation
Internet: www.kunstverein-heppenheim.de

