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Wenn aus Spuren Bilder werden

10.07.26  Von Nicole Buesing und Heiko Klaas


Bildfindungen jenseits glatt präparierter Felder. Das erfindungsreiche Werk der Wiener Künstlerin Christine Gironcoli wird in der Kunsthalle Lingen erstmals in einer institutionellen Einzelausstellung gezeigt

Carmen Herrera, Phyllida Barlow, Ida Applebroog, Luchita Hurtado und jetzt vielleicht Christine Gironcoli? Es ist gar nicht so selten, dass gerade Künstlerinnen erst im relativ hohen Alter vom Ausstellungs- und Galeriebetrieb entdeckt und gewürdigt werden. Die Gründe dafür sind vielfältig: Mutterschaft und Care-Arbeit, patriarchale Strukturen des Kunstmarktes sowie fein verästelte Seilschaften zwischen Künstlern, Museumsleuten, Kritikern, Galeristen und Sammlern, die primär männlich dominiert sind.

 

Porträt Christine Gironcoli, Foto: Heiko Klaas

Doch es gibt Anlass zu der Annahme, dass sich da allmählich etwas ändert. Die kubanisch-amerikanische Malerin Carmen Herrera (1915-2022) und die britische Grenzgängerin zwischen Skulptur, Malerei und Installation Phyllida Barlow (1944-2023) wurden trotz jahrzehntelanger Ignoranz der internationalen Kunstwelt erst im fortgeschrittenen Alter zum festen Kanon der jüngeren Kunstgeschichte gezählt. Die Österreicherin Christine Gironcoli schickt sich womöglich gerade an, es ihnen gleichzutun.

 

Christine Gironcoli
Ohne Titel, ohne Jahr
Rostiger gebogener Nagel, Öl, Holz, Leinen auf erhaltener Doublierleinwand
47,5 x 60 cm
Foto: Roman Mensing, artdoc.de

„ZUFALL UND IDEE“, so lautet der von ihr selbst gewählte Titel ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung, die bis Anfang September 2026 in der Kunsthalle Lingen zu sehen ist. Meike Behm, Direktorin des Hauses und Kuratorin der Schau, hat rund 30 Arbeiten aus allen Schaffensphasen der Künstlerin ausgewählt, um den Besucher:innen einen umfassenden Einblick in die Spezifika dieses ebenso souveränen wie zeitlos gültigen Werks zu gewähren. Ein umfangreicher Katalog, der im Frühherbst erscheinen wird, flankiert die Schau auch publizistisch.

 

Christine Gironcoli in ihrem Atelier in Wien, Foto: Albrecht Fuchs

Geboren 1941 in Wien, absolvierte Christine Melichar, so ihr Geburtsname, zunächst eine Ausbildung als Konzertpianistin. Ende der 1950er Jahre wechselte sie jedoch das Fach und schrieb sich für ein Studium der Malerei an der damaligen Akademie für angewandte Kunst in Wien (heute: Universität für angewandte Kunst Wien) ein. Zu ihren Kommilitonen zählten heute so bekannte Künstler wie Günter Brus, H.C. Attersee und ihr späterer Mann Bruno Gironcoli (1936-2010). Dessen Karriere führte die beiden bald nach Paris, 1961 wurde die gemeinsame Tochter geboren, und Christine Gironcolis eigene künstlerische Karriere musste lange Zeit pausieren. Zwischen 1967 und 1995 war Christine Gironcoli stattdessen als anerkannte Gemälderestauratorin in Wien tätig. Erst seit 1995 fand sie die Zeit, sich wieder ganz auf ihre eigene künstlerische Karriere zu konzentrieren. Seitdem entstand ein umfangreiches Werk, das bisher jedoch noch nicht die breite Aufmerksamkeit erfahren hat, die es eigentlich verdient. Dass es sich hier um eine ebenso ausgereifte wie dezidiert autonome Position handelt, vermittelt sich den Betrachter:innen bereits beim Betreten der Lingener Ausstellungshalle.

 

Christine Gironcoli
ZUFALL UND IDEE
Installationsansicht Kunsthalle Lingen 2026
Foto: Roman Mensing, artdoc.de

Wer sich zunächst einmal orientierend umblickt, wird bemerken, dass die Oberflächen der hier aufgehängten Leinwandarbeiten fast allesamt von erdig-schlammigen, nahezu monochromen Tönen dominiert werden. Die auffällig reduzierte Farbpalette wird durch Umbra, Ocker, Siena, Sepia und andere sanfte Brauntöne gekennzeichnet, in die sich ab und zu jedoch auch intensive Farbtupfer verirren. Dafür gibt es wiederum Gründe, auf die es sich lohnt, an späterer Stelle noch genauer einzugehen.

Die rätselhafte Aura, die Gironcolis Werke ausstrahlen, vermittelt eine mystisch-melancholische Stimmung. Das Enigmatische wird zusätzlich noch dadurch verstärkt, dass viele Werke weder über einen Titel noch über Angaben zum genauen Entstehungsjahr verfügen. Tradierte, die Betrachter:innen leitende Orientierungsmarken fehlen also weitgehend.

 

Untitled
Öl, Ruß, Leinwand auf Doublierleinwand
100 x 70 cm
Foto: Roman Mensing, artdoc.de

Den Besucher:innen der Schau stellt sich zunächst einmal die Frage, um welche Bilduntergründe es sich hier eigentlich handelt. Die Antwort darauf führt tief in die Geheimnisse der Gemälderestaurierung, wie sie seit Jahrhunderten praktiziert wird. Als Malgrund verwendet Christine Gironcoli kein „glatt präpariertes Feld“, wie der amerikanische Kunsthistoriker Meyer Schapiro (1904-1996) die makellos-unversehrte Industrieleinwand charakterisierte, sondern sogenannte Doublierleinwände, gelegentlich werden diese auch als Stützleinwände bezeichnet. Aber was ist das eigentlich?

Es handelt sich im Grunde um Überbleibsel ihrer jahrzehntelangen Tätigkeit als Restauratorin für Malerei. Definiert wird der Vorgang des Doublierens folgendermaßen: „Eine Doublierung (von frz. doubler = verdoppeln) ist eine restauratorische Maßnahme bei Gemälden. Dabei wird ein brüchiges oder beschädigtes Originalgewebe mit der Rückseite auf eine neue Stützleinwand geklebt.“ (Quelle: www.kunst-gutachter.de)

 

Christine Gironcoli
ohne Titel, 2013-2023
Wäscheklammern, Öl auf erhaltender Doublierleinwand
80 x 96 cm
Foto: Roman Mensing, artdoc.de

Die bisherige Stützleinwand wird also ausgetauscht und landet normalerweise im Abfall. Christine Gironcoli hat jedoch schon früh die magische Anziehungskraft dieses sowohl mit Geschichte als auch mit Geschichten aufgeladenen Materials erkannt. Flecken, Abdrücke, Reste von Leim, Farbe, Staub, Falten, Knicke, Nähte, manchmal auch Stockflecken oder sogar Schimmel haben sich im Laufe vieler Jahre in die Oberflächen eingeschrieben. Und genau diese Rudimente bilden für die Künstlerin Ausgangspunkte für eigene motivische Interventionen und Weiterentwicklungen.

 

OHNE TITEL (UFER)
2023
Webschiff, Öl auf mit Kleberesten erhaltener
Doublierleinwand
90 x 130 x 6 cm
rückseitig signiert
Unikat
Privatbesitz
Foto: Kai Middendorff Galerie, Frankfurt

So etwa auf der Arbeit „Ohne Titel (UFER)“ von 2023. Auf der Doublierleinwand hatten sich Klebereste erhalten, die vertikal nach oben strebten, fast so wie Ufer- oder Sumpfpflanzen. Christine Gironcoli hat das Gefundene mit Ölfarbe minimal bearbeitet und so eine dicht bewachsene Szenerie geschaffen, die an zugewuchertes, tropisches Marschland erinnert, wie es etwa in den Everglades in Florida oder im Mississippi-Mündungsdelta zu finden ist. In seinem 1986 entstandenen Spielfilm „Down by Law“ lässt der New Yorker Regisseur Jim Jarmusch seine drei Protagonisten in genau so einer Kulisse mit einem Paddelboot herumirren. Christine Gironcoli wiederum verwandelt die Arbeit zu einer Assemblage, indem sie ein gefundenes hölzernes Webschiffchen im unteren Bereich der Leinwand anbringt.

Christine Gironcoli
Ohne Titel, ohne Jahr
Leinen, Holz, Öl auf erhaltener Doublierleinwand
46 x 56 cm
Foto: Roman Mensing, artdoc.de

Auf anderen Werken appliziert sie etwa hölzerne Wäscheklammern, Schnüre, ein Spiegelfragment, rostige Nägel, eine handgeschmiedete Schere, Haarklammern, Muscheln, zerbrochene Holzleisten, Reste anderer Leinwände, Textilien unterschiedlichster Art oder Pappen auf die Oberfläche. Andere wiederkehrende Elemente sind Ruß, angekokelte Stoffe oder auch einmal ein Stück Holz in Form einer am Donauufer gefundenen angespülten Baumwurzel.

Auf das querformatige Werk „Ohne Titel“ (2024) wiederum hat Christine Gironcoli mittig eine weiß lasierte Holzschaufel appliziert, die dem Formenrepertoire ihres verstorbenen Mannes Bruno Gironcoli zu entstammen scheint.

 

CHRISTINE GIRONCOLI
Enfance, 2015
Öl, Holz, Stoff auf erhaltener Doublierleinwand
180 x 132 cm
unique
Gic/M XX0003
Foto © Galerie Elisabeth & Klaus Thoman / kunstdocumentation.com

Ein besonders markantes Werk in der Ausstellung stellt die Arbeit „Enfance“ aus dem Jahr 2015 dar. Das Hochformat lädt Christine Gironcoli stark autobiografisch auf, indem sie in der Bildmitte zwei extrem abgenutzte Stoffpuppen mit Drähten befestigt, wie sie normalerweise zum Aufhängen von Wandtellern verwendet werden. Die von ihrer Großmutter hergestellten Puppen stammen aus der Kindheit der Künstlerin in der Nachkriegszeit und weisen in ihrer lädierten Einfachheit alle Attribute der damaligen Mangelgesellschaft auf. Gleichzeitig stößt sie damit zumindest rein formal auch eine Tür auf, die an Stoffobjekte etwa von Hans Bellmer oder Louise Bourgeois denken lässt. Oder, um eine noch zeitgenössischere Parallele zu nennen, an die „Dummies“ betitelten simplen Stoffpuppen, die der amerikanische Medienkünstler Tony Oursler mittels verstörender Videoprojektionen zum Leben erweckt.

 

Christine Gironcoli: Enfance, 2015 (Detail), Foto: Heko Klaas

Die Arbeit „Enfance“ ist aber darüberhinaus auch in anderer Hinsicht spannend. Gewissermaßen kondensiert sich in diesem Bild Christine Gironcolis die Quintessenz ihres Schaffens. Wichtig zu erwähnen ist auch, dass die Künstlerin aus ihrer restauratorischen Praxis eine schwere Handpresse behalten hat, mit deren Hilfe sich Stoffoberflächen fast nahtlos miteinander verbinden lassen. In diesem Fall hat die Künstlerin allem Anschein nach die auf einen aus Brasilien stammenden Kaffeesack gedruckte Buchstabenfolge „BRAS“ ausgeschnitten und in den linken oberen Bildraum integriert. Ebenso augenfällig ist eine das Bild nahezu mittig in zwei Hälften teilende Linie aus farbigen Punkten in monochromer Ölfarbe und ganz unten zwei übereinander gelegte Malpaletten mit angetrockneten Farbresten. Insofern legt Christine Gironcoli hier in gewisser Weise auch einen Teil ihres Instrumentariums offen – als Restauratorin, wie auch als Malerin. In dieser vielschichtigen Arbeit treffen also nicht nur dialektisch Ordnung und Chaos, Präzision und Intuition, Abgestreiftes und Gegenwärtiges aufeinander. Es manifestieren sich auch nahezu alle Lebensphasen der Künstlerin.

Christine Gironcoli
ZUFALL UND IDEE
Installationsansicht Kunsthalle Lingen 2026
Foto: Roman Mensing, artdoc.de

 

Auch wenn Christine Gironcolis künstlerischer Ansatz nicht primär politisch ist, so finden sich dennoch in einzelnen Werken auch gesellschaftskritische Kommentare. So etwa in der Arbeit „HUNGER WIRD GEMACHT“ (2008). Die Künstlerin verwendet hier wiederum ein Fundstück in Form eines bedruckten Jutebeutels, das sie auf eine Doublierleinwand kaschiert und mit Tupfern aus grüner Ölfarbe malerisch einfasst. Der vollständige Slogan lautet „Hunger ist kein Schicksal – Hunger wird gemacht“. Es handelt sich dabei um einen im Österreich der 1980er Jahre verbreiteten Leitsatz der damaligen Entwicklungspolitik unter sozialdemokratischen Vorzeichen. Indem Christine Gironcoli ihn aufnimmt, positioniert sie sich in Werken wie diesem dann durchaus auch im Kontext antikolonialer Diskurse.

Christine Gironcoli,
GANDHARA, 2026.                                                                                                            Öl auf Leinwand mit eingeschlitzten Leinwandresten
110 x141 cm
Foto: Roman Mensing, artdoc.de

 

,

 

 

 

Eine weitere Besonderheit stellt das speziell für die Lingener Ausstellung entstandene, atelierfrische Gemälde „GANDHARA“ (2026) dar. Ausnahmsweise verwendet die Künstlerin hier eine frische, nicht mit Spuren der Vergangenheit aufgeladene Leinwand. Der auf eine antike Region im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan anspielende Titel stellt Bezüge zur Praxis der Zerstörung von Buddha-Statuen und damit zur unwiederbringlichen Auslöschung vor-islamischer Kulturdenkmäler durch den Islamischen Staat beziehungsweise die Taliban her. Das Bild selbst zeigt eine karge und wüstenartige Gebirgslandschaft, die, abgesehen von zwei durch vertikale Linien angedeuteten leeren Nischen, keine Hinweise auf menschliche Besiedlung zeigt. In der linken Leinwandhälfte befindet sich jedoch ein vertikaler Schnitt, aus dem Reste alter Leinwand hervorlugen, die fragmentarisch an die Statuen erinnern. Christine Gironcoli kreiert so einen Moment der Hoffnung, indem sie das brutal Zerstörte symbolisch wieder an die Oberfläche treten lässt.

 

Christine Gironcoli
Öl, Wäscheklammern auf erhaltener Doublierleinwand
79,5 x 100 cm
Foto: Roman Mensing, artdoc.de

In seiner 2015 erschienenen umfangreichen Abhandlung „Zeit“ stellt der Literaturwissenschaftler und Philosoph Rüdiger Safranski Folgendes fest: „Speichermedien hat es auch früher gegeben – die Partitur, das Buch, den Brief, das Bild –, aber da sie eher selten waren, wirkten sie auratisch, bisweilen sogar sakral, jedenfalls nicht alltäglich. Die moderne Technik aber ermöglicht alltäglich Reproduktionen, mit der Folge, dass die Aura des Einmaligen verschwindet. Wir leben ganz selbstverständlich mit der Hand auf der Replay-Taste, und es schleicht sich das Gefühl ein, als ließe sich das unwiderruflich verfließende Leben auch sonst einfach wiederholen.“

 

Ohne Titel
2024
Ruß, Öl und zwei Doublierleinwände auf Stoff
90 x 140 cm
Foto: Roman Mensing, artdoc.de

Christine Gironcoli tritt hier mit ihrer künstlerischen Praxis den Gegenbeweis an. Sie bringt die Aura zurück. Ihr vom sensiblen Umgang mit vorgefundenen Bildträgern, aber auch dreidimensionalen Fundstücken aus dem Alltag, der eigenen Biografie oder aus der Natur gekennzeichnetes Werk verweigert sich in seiner unverwechselbaren Einzigartigkeit jeglichem Versuch der Vereinnahmung durch reproduktive Verfahren. Aus Variationen und Weiterentwicklungen vorgefundener Strukturen und Farben entstehen bei Christine Gironcoli souveräne Bildfindungen jenseits von Raum und Zeit, die zum Nachdenken über Vergangenheit und Gegenwart ebenso anregen wie zur Reflexion über tradierte Geschlechterrollen im Kunstbetrieb und deren längst überfällige Überwindung.

 

Christine Gironcoli
ZUFALL UND IDEE
Installationsansicht Kunsthalle Lingen 2026
Foto: Roman Mensing, artdoc.de

 

 

Auf einen Blick:

Ausstellung: Christine Gironcoli ZUFALL UND IDEE

Ort: Kunsthalle Lingen

Zeit: bis 6. September 2026. Di-Fr 10-17 Uhr. Sa/So 11-17 Uhr

Katalog: erscheint demnächst

Internet: www.kunsthallelingen.de

 

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Nicole Buesing und Heiko Klaas
Nicole Büsing und Heiko Klaas sind seit 1997 als freie Kunstjournalisten und Kritiker für zahlreiche Magazine, Tageszeitungen und Online-Magazine tätig. Daneben schreiben sie auch Katalogbeiträge. Sie leben in Hamburg und Berlin. Regelmäßige Veröffentlichungen über Kunst und Kunstmarkt z.B. in Kunstmarkt.com, Monopol, Artmapp, Hatjecantz.de, Artist Kunstmagazin, Artline, Spiegel online, DARE, Kultur & Gespenster, Photonews, Kunsttermine, Zeitkunst, Künstler-Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Next Level, Art, Die Welt, Der Tagesspiegel, www.artlog.net, diverse regionale Tageszeitungen wie Kieler Nachrichten, Weser-Kurier, Neue Osnabrücker Zeitung, Saarbrücker Zeitung, Südkurier, Nürnberger Nachrichten, Flensburger Tageblatt, Freie Presse, etc. klaas.buesing@gmail.com




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