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Versehrt aber standhaft

24.09.26  Von Nicole Buesing und Heiko Klaas


Eine Sammlung im Exil: Das Aschaffenburger Christian Schad Museum zeigt hochkarätige europäische Meisterwerke aus dem Khanenko Nationalmuseum in Kyjiw

In der Ukraine tobt seit mehr als vier Jahren der völkerrechtswidrige Angriffskrieg der Russischen Föderation unter der Führung von Wladimir Putin. Auch die Gebäude und die Infrastruktur der Hauptstadt Kyjiw geraten fast täglich unter heftigen Beschuss. Die Bevölkerung versucht, ihr Hab und Gut und vor allem ihr Leben zu retten. Doch was können die Museen tun, um ihre Schätze vor feindlichen Plünderungen, Bomben und Zerstörung zu bewahren?

Peter Paul Rubens, Dank an den Flussgott der Schelde, um 1617, Ölskizze, 28 × 37 cm, Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum © Foto: Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum

Kollegiale Hilfe kommt zur Zeit aus Deutschland, genauer gesagt aus Aschaffenburg. Das städtische Christian Schad Museum zeigt ausgewählte Gemälde und Skulpturen aus dem renommierten Khanenko Museum in Kyjiw derzeit in seinen Räumen und gewährt den gefährdeten Kunstwerken somit ein vorübergehendes Asyl.

Unter dem Titel „A European Collection. Meisterwerke aus dem Khanenko Museum in Kyjiw“ sind in der unterfränkischen Stadt noch bis zum 10. Februar 2027 73 Meisterwerke des von dem Privatsammler Bohdan Khanenko (1849-1917) und seiner Frau Varvara gegründeten Museums in der ukrainischen Hauptstadt zu sehen. Die Werke werden erstmals in Deutschland präsentiert. Das Christian Schad Museum hat für diese Sonderausstellung den Großteil der eigenen Bestände ins Depot verlagert. Eine komprimierte Auswahl mit Arbeiten des bekannten Vertreters der Neuen Sachlichkeit findet sich jedoch im Erdgeschoss.

Beim Rundgang auf zwei Etagen wird schnell klar, dass sich Bohdan Khanenko und seine Frau in ganz Europa auf Einkaufstour begeben haben. Ihr Geschmack war offensichtlich sehr breit gefächert. Bei ihren Kunstkäufen ließen sie sich nicht unmittelbar beraten, sondern folgten vielmehr ihrer eigenen, subjektiven Intuition.

 

Meister der Khanenko-Anbetung, Anbetung der Heiligen Drei Könige, Diptychon, rechte Tafel, Öl auf Holz, 28 × 17,5 cm, Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum © Foto: Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum

Schon vor seiner Heirat begann Bohdan Khanenko, der einem alten kosakischen Adelsgeschlecht entstammte und in der Zivilverwaltung in Sankt Petersburg tätig war, mit dem Aufbau einer kleineren Sammlung. Erst die Ehe mit der aus einer bekannten ukrainischen Industriellen- und Mäzenatenfamilie stammenden Varvara Tereschtschenko ermöglichte ihm dann den gemeinsamen Aufbau einer Sammlung von Weltrang. Das kunstbegeisterte Ehepaar besuchte Auktionen in Paris, Wien, Rom oder Berlin, es sah sich europaweit in Antiquitätengeschäften um und wurde aber ebenso auch auf verstaubten Dachböden privater Verkäufer fündig. Ihre Weltkunst-Sammlung reichte von frühen ägyptischen Ausgrabungsfunden über Werke der klassischen Antike, chinesische Rollbilder, japanische Farbholzschnitte und russischen Ikonen bis hin zu den Alten Meistern.

 

Werkstatt Rembrandt van Rijn, Mann mit Turban, Öl auf Leinwand (von Holz übertragen), 81 × 65,5 cm, Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum © Foto: Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum

Genau auf diese konzentriert sich jetzt die Ausstellung im Christian Schad Museum. Die Schau umfasst sowohl niederländische Malerstars wie Rembrandt und Rubens, Genrebilder aus den Werkstätten von Pieter Brueghel dem Jüngeren oder Hieronymus Bosch als auch mythische und biblische Darstellungen von italienischen Meistern oder detailgenaue Veduten des Sehnsuchtsortes Venedig. Das Sammlerpaar wusste, was es erwarb. Es stand in engem Austausch mit Kunstexperten und Gelehrten seiner Zeit, so etwa mit dem deutschen Kunsthistoriker und Museumsgründer Wilhelm von Bode oder dem niederländischen Rembrandt-Experten Cornelis Hofstede de Groot. Da das Ehepaar keine Kinder hatte, fassten sie den Entschluss, ihr gesamtes Hab und Gut der Stadt Kyjiw zu hinterlassen. Noch zu ihren Lebzeiten kam es zur Gründung des Khanenko Museums. Im Jahr 1882 ließen sie eine Villa im italienischen Stil errichten, die ihre mehr als 17.000 Stücke umfassende Sammlung beherbergen sollte. Das daraus entstandene heutige Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum gilt als das bedeutendste Kunstmuseum des Landes.

 


Werkstatt des Hieronymus Bosch, Die Versuchung des heiligen Antonius, Triptychon, um 1520–1550, Öl auf Leinwand auf Holz übertragen , linker Flügel 92 × 37,5 cm, Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum © Foto: Museen der Stadt Aschaffenburg (Stefan Stark)

Ein besonders eindrucksvolles Gemälde ist im Christian Schad Museum auf der ersten Etage zu sehen. Es handelt sich um Jacopo di Arcangelos um 1483 entstandene Darstellung der tragischen Geschichte von Orpheus und Eurydike aus der griechischen Mythologie. In kleinen parallelen Szenen auf dem dem lang gestreckten Format einer Cinemascope-Leinwand gleichenden Gemälde gelingt es dem Maler, die Erzählung vom begnadeten Lyra-Spieler Orpheus und dessen vergeblichem Versuch, seine Frau Eurydike aus der Unterwelt zu befreien, spannungsgeladen auf die Leinwand zu bannen. Daneben hängt dann kontrastierend eine um 1498 entstandene Darstellung der Mariä Himmelfahrt des italienischen Renaissancemalers Marco d’Oggiono. Die charakteristische Dreieckskomposition und die formvollendete Ausführung der atmosphärisch weichgezeichneten Sfumato-Partien rund um die Gottesmutter erinnern dabei an die Malweise seines mutmaßlichen Lehrmeisters Leonardo da Vinci.

 

Antonio Canova, La Pace, 1815, Marmor 192 × 93,5 × 84,5 cm, Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum © Foto: Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum

Die Erwerbsgeschichte des anrührenden Gemäldes „Mädchen mit totem Vogel“ des 1867 in Orvieto geborenen Malers Cesare Fracassini ist besonders interessant. Das Ehepaar Khanenko kaufte das allegorisch aufgeladene Bild während seiner Hochzeitsreise durch Italien. Das Gemälde zeigt ein junges Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, das behutsam einen toten Vogel in der Hand hält, während es im Hintergrund von einer jagdlüstern wirkenden Katze beobachtet wird. Dem Maler ging es offenbar darum, die jugendliche Unbeschwertheit mit der Fragilität allen Lebens zu kontrastieren.

 

Bernardo Bellotto, Architektonische Fantasie (Capriccio), Öl auf Leinwand, 99 × 132 cm, Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum © Foto: Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum

Am Ende des Rundgangs sind dann noch ungewöhnliche Ruinen-Capriccios des Italieners Leonardo Coccorante zu entdecken: typische Motive für diesen Vertreter des neapolitanischen Barock. Fantasielandschaften mit Bergen, Ruinen, dem Meer, Schafen, Pferden und menschlichen Figuren haben das Ehepaar Khanenko offenbar immer wieder fasziniert und zur kontemplativen Betrachtung angeregt.

 

Maria Kulikovska, Skulptur aus der Serie Shot Figures, Detail, 2025 Epoxidharz © Foto: Maria Kulikovska

Die traumatische Realität des nicht enden wollenden russischen Angriffskrieges wird den Besucher:innen dann mit einer ganz aktuellen Arbeit der 1988 geborenen ukrainischen Künstlerin Maria Kulikovska drastisch vor Augen geführt. Ihre „Shot Figure“ (2025) zeigt den Abguss ihres eigenen Körpers aus transparentem Epoxidharz. Diesem hat die Künstlerin Spuren kriegerischer Gewalt eingeschrieben, indem sie ihn im Rahmen von Performances und Aktionen gleich mehrfach beschossen und somit gleichzeitig die Rollen von Opfer und Täter eingenommen hat. Kulikovskas berührende Skulptur kann aber auch als eine Metapher des Überlebenswillens ihrer Nation interpretiert werden: versehrt aber standhaft. Die Arbeit wurde übrigens von der Stadt Aschaffenburg angekauft.

 

Meister der Khanenko-Anbetung, Anbetung der Heiligen Drei Könige, Diptychon, linke Tafel, Öl auf Holz, 28 × 17,5 cm, Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum © Foto: Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum

Viele Gruppenführungen, auch für Exil-Ukrainer:innen, zeugen von einem großen Interesse an diesen einstweilen in Sicherheit gebrachten Kunstwerken aus Kyjiv. Ob nach dem 10. Februar 2027, wenn die Ausstellung wieder abgebaut wird, Frieden in der Ukraine herrscht, weiß zur Zeit niemand. Es darf aber gewiss bezweifelt werden, dass bis dahin das mittlerweile stark beschädigte Museum in Kiew wieder so weit hergestellt werden kann, um den Sammlungsschätzen erneut eine sichere Heimat zu bieten. So wird derzeit mit Hochdruck daran gearbeitet, eine oder mehrere weitere Stationen außerhalb der Ukraine für diese sehenswerten Sammlungshöhepunkte aus dem Khanenko Museum zu finden. Ein Anfang in Aschaffenburg ist gemacht. Die sehenswerte Schau demonstriert eindrücklich die Solidarität, den Zusammenhalt und die Verbundenheit der demokratischen europäischen Museumsfamilie.

 

Marco Palmezzano, Die Madonna mit dem Kind und den Heiligen Petrus und Johannes dem Evangelisten, Öl auf Holz (Pappel), 162 × 136,5 cm, Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum © Foto: Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum

 

Auf einen Blick:
Ausstellung: A European Collection. Meisterwerke aus dem Khanenko Museum in Kyjiw
Ort: Christian Schad Museum, Pfaffengasse 26, 63739 Aschaffenburg

Zeit: bis 10. Februar 2027, Di 10-20 Uhr, Mi-So und Feiertage 10-18 Uhr, Montags sowie am 24., 25. und 31.12.2026, 1.1. und 9.2. 2027 (Faschingsdienstag) geschlossen

Internet: www.museen-aschaffenburg.de

 

Werkstatt des Hieronymus Bosch, Die Versuchung des heiligen Antonius, Triptychon, um 1520–1550, Öl auf Leinwand auf Holz übertragen, Mittelteil 82 × 71,5 cm, Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum © Foto: Museen der Stadt Aschaffenburg (Stefan Stark)

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Nicole Buesing und Heiko Klaas
Nicole Büsing und Heiko Klaas sind seit 1997 als freie Kunstjournalisten und Kritiker für zahlreiche Magazine, Tageszeitungen und Online-Magazine tätig. Daneben schreiben sie auch Katalogbeiträge. Sie leben in Hamburg und Berlin. Regelmäßige Veröffentlichungen über Kunst und Kunstmarkt z.B. in Kunstmarkt.com, Monopol, Artmapp, Hatjecantz.de, Artist Kunstmagazin, Artline, Spiegel online, DARE, Kultur & Gespenster, Photonews, Kunsttermine, Zeitkunst, Künstler-Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Next Level, Art, Die Welt, Der Tagesspiegel, www.artlog.net, diverse regionale Tageszeitungen wie Kieler Nachrichten, Weser-Kurier, Neue Osnabrücker Zeitung, Saarbrücker Zeitung, Südkurier, Nürnberger Nachrichten, Flensburger Tageblatt, Freie Presse, etc. klaas.buesing@gmail.com




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