Am Donnerstag öffnete die 59. Art Cologne ihre Pforten. Auf der gut frequentierten Vernissage war man sich einig: In Köln läuft es am besten im mittleren Marktsegment
Hoher, wenngleich nicht unumstrittener Besuch zur Eröffnungspressekonferenz der 59. Ausgabe der Art Cologne. Aus Berlin war Wolfram Weimer, der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien angereist, um ein paar Grußworte zu sprechen. Eine Premiere, denn bisher hatten sich Spitzenpolitiker aus der Bundesebene auf der ältesten Messe für moderne und zeitgenössische Kunst der Welt nicht blicken lassen. Den Umgang miteinander müssen beide Seiten wohl noch etwas üben. So sprach Weimer denn auch gleich etwas hochtrabend von einer „Perspektive des Wachstums“, die er sich für die Art Cologne wünsche. Es sei eine Messe „zwischen Avantgarde und Konvention“, ein „Ort, wo Ästhetik geprägt wurde in einem Format für ganz Europa“. Galeristen bezeichnete Weimer in seiner kurzen Rede als „Ermöglicher von Kunst und Kultur und Möglichmacher der Freiheit des künstlerischen Schaffens“.

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer auf der Eröffnungspressekonferenz, Foto: Heiko Klaas
Der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Galerien, Kristian Jarmuschek, wies etwas später zurecht darauf hin, dass der finanzielle Beitrag des Bundes für die Förderkojen in der Sektion New Positions mit zur Zeit 35.000 Euro durchaus noch ausbaufähig sei. Außerdem wünsche man sich einen vernünftig dotierten, bundesweiten „Galerienpreis“, der die Arbeit engagierter Kunsthändler:inen auszeichnet, vergleichbar mit einem Preis für gut sortierte Buchhandlungen. „Zur Zeit ist es nicht besonders einfach, Kunst zu verkaufen“, fasste Jarmuschek die Krise auf dem Kunstmarkt zusammen. Und Messedirektor Daniel Hug bestätigt, dass die superreichen Sammler:innen überwiegend in den USA zuschlagen und hier in Deutschland wenig Präsenz zeigten. „Was bleibt, ist, dass es sehr viele mittelständige Deutsche gibt wie Ärzte oder Anwälte, die gerne Kunst sammeln, und das ist das Wichtigste, dass es ein normaler Markt für normale Menschen ist und nicht ein Investment für das eine Prozent der Superreichen“, so Hug. Die Art Cologne lebe von diesem mittleren Segment an Sammler:innen, die Kunst aus Überzeugung und Liebhaberei und nicht aus Spekulationsgründen kaufe. Und der Art Cologne-Chef weiter: „Studien zum Erwerb von Kunstwerken zwischen 5.000 und 20.000 Euro werden gar nicht erst erstellt. Quantitativ werden jedoch die meisten Kunstwerke an eine mittelständige Sammlerschaft in Deutschland verkauft. In diesem Sinne funktioniert der Markt noch. In Deutschland wird immer noch aus Liebe gekauft“.

Stand: Thaddaeus Ropac, Halle 11.2, Foto: Art Cologne
Insofern erweist sich die Art Cologne einmal mehr als guter Messestandort. In einem Radius von 200 Kilometern rund um die Domstadt leben bis zu 40 Millionen Menschen. 165 Galerien aus 22 Ländern sind in diesem Jahr an den Rhein gereist. So zum Beispiel die beiden internationalen Galerien Continua mit Stammsitz in San Gimignano in der Toskana und Zahorian & Van Espen aus Bratislava. Sie zeigen an ihrem Gemeinschaftsstand in der Collaborations Section eine Solo-Präsentation der 1981 geborenen ukrainischen Künstlerin Zhanna Kadyrova, die in diesem Jahr auch mit ihrem aus Beton gefertigten „Origami Deer“ im ukrainischen Pavillon auf der Biennale Venedig für Aussehen sorgt. In Köln zu sehen sind beispielsweise auf Flohmärkten erworbene Kreuzstich-Arbeiten mit Landschafts- und Architekturdarstellungen aus der Serie „Anxiety“, die Kadyrova weltweit kauft, und dann mit irritierenden Warnhinweisen wie „Luftalarm“ versieht (4.000 Euro). Postkartenmotive im Oma-Stil treffen hier auf die Realität des russischen Angriffskrieges. Außerdem an Stand: Fotoleuchtkästen in verschiedenen Formaten mit verstörenden Interieur-Aufnahmen von zerstörter öffentlicher Infrastruktur aus der Heimat Kadyrovas (4.000-16.000 Euro).

Zhanna Kadyrova am Stand von Continua und Zahorian & Van Espen, Foto: Galerien
Eine Entdeckung für Kenner ist dann am Stand von Crone, Berlin, Wien zu machen. Etwas versteckt in hinteren Teil der Koje hängen drei übermalte Collagen von Franz West (1947-2012) aus dem Jahr 1982. Die Blätter im DIN-A4-Format stammen aus einer Zeit, als der österreichische Künstler noch relativ unbekannt war und sich freute, etwas Geld mit unikatären Kleinformaten zu verdienen, die er zum Teil auch als Illustrationen an die Redaktion des damals frisch gegründeten Zeitgeist-Magazins „Wiener“ verkaufte. Auf der Art Cologne werden sie jetzt für 25.000 Euro das Stück angeboten. Kein Wunder, denn aktuell erfährt Franz West eine neue Aufmerksamkeit. Der einstige Sprenger von Konventionen wird mit großen Gedenkausstellungen zu seinem bevorstehenden 80. Geburtstag in der Albertina Modern und im Wien Museum also posthum vom Establishment umarmt. Außerdem am Stand: die Skulptur „Kotznik“ (2011), eine mit rosa Acrylfarbe bemalte Spuckschale, wie sie in Wiener Kliniken gebräuchlich ist, in Herzform.

Franz West, Kotznik, 2011
Foto © Galerie Elisabeth & Klaus Thoman / kunstdokumentation.com, Courtesy Galerie Crone, Berlin Wien
Besondere Aufmerksamkeit bei jüngeren Sammler:innen, aber auch bei Kurator:innen erfahren auch in diesem Jahr wieder die Förderkojen, wo Werke jüngerer Künstler:innen unter dem Label New Positions zu Preisen bis maximal 5.000 Euro angeboten werden. Einen starre Altersgrenze gibt es nicht. Die Galerie Klemm’s Berlin zeigt in ihrer New Positions-Koje Gemälde der 1989 in London geborenen Künstlerin Babette Semmer Collings. Die an der Londoner Slade School und später an der Frankfurter Städelschule ausgebildete Malerin lebt heute in Berlin. Ihre Motive generiert sie aus ihrem großem Archiv an Aufnahmen von Flohmärkten, aus Nachlässen, dem Netz aber auch eigenen Fotos, die sie teils auch durch Prompten erhält. Charakteristisch ist ihre Malweise. Sie arbeitet in fast altmeisterlicher Technik und benutzt Ölfarbe, in die sie Quarzsand mischt. Dadurch erzielt sie eine haptische Oberfläche, die Teilweise die Assoziation an Schmirgelpapier weckt.

Babette Semmer, LAN Party 2003, 2026. Oil and sand on canvas, 140 x 160 cm., Foto: Galerie Klemm’s Berlin
Ein Eyecatcher am Stand bei Klemm’s ist das Gemälde mit dem Titel „LAN Party, 2003“ mit den Maßen 140 x 160 cm. Das Bild ist 2026 entstanden und zeigt eine Gruppe junger Männer, die sich vor einem knappen Vierteljahrhundert mit ihren aus heutiger Sicht alten Röhrencomputern zum Gaming in einem salonartigen Raum mit Kronleuchter zurückgezogen haben. Aufgrund der heute fortgeschrittenen Technik, die eher zur Vereinzelung führt, stellt das Bild eine fast schon wehmütig-nostalgische Momentausnahme einer vergangenen Epoche dar. Das Gemälde wird für 9.000 Euro angeboten. Kleinere Arbeiten wie etwa das an einen Filmstill erinnernde Porträt des für seine maschinellen Doppelgänger bekannten japanischen Roboter-Erfinders Hiroshi Ishiguro kostet 3.900 Euro. „Tulipan“, das Porträt einer Dame mit Hund, umrankt von Tulpen, aus dem Jahr 2025 ist für 3.300 Euro im Angebot.

Babette Semmer, Geminoid (Mechanical Self -Portrait of his Master Horishi Ishiguro) ,
2026. Oil and sand on canvas, 80 x 50 cm., Foto: Galerie Klemm’s Berlin
Ein weiterer New Positions-Stand, der ins Auge fällt, ist der der Prager Galerie Trafo mit Arbeiten des tschechischen Künstlers Pavel Dušek. Dušek, Jahrgang 1992, versteht sich eigentlich als Maler. Doch statt Leinwand und Farbe verwendet er dreidimensionale Fundstücke. Am Stand zu sehen sind Objektkästen in einem Materialmix aus Stahl, verschiedenen Holzarten, Glas, Beton, Acryl und Farbe. Diese gewichtigen Materialassemblagen zu Preisen ab 3.170 Euro für ein Unikat sind für Sammler:innen, die nicht nur auf das reine Tafelbild setzen, besonders interessant und reizvoll. Einige waren bereits am Vernissage-Tag verkauft.

Pavel Dušek: Rietveld_unkn_1/1, 2026, mixed technique, 50 x 37 cm, Foto: Galerie Trafo, Prag
Für Aufmerksamkeit sorgte auch die New Positions-Präsentation der Galerie Nagel Draxler, Berlin, Köln. Sie zeigen Skulpturen und Gemälde des amerikanischen Künstlers Patrick Walsh, Jahrgang 1981, der sich komplett neu erfunden hat. Seine filigranen, auf den Papprückseiten von benutzten Zeichnungsblöcken aufgeklebten Miniaturlandschaften sind aus Zigarettenkippen, toten Insekten, Pflanzenteilen und sonstigen Atelierabfällen zusammengesetzt. Amerikana in bester Western Prärie-Manier, dazu trashige, authentische Gemälde in krakeligem Gestus. Alle Arbeiten kosten je 5.000 Euro. Galeristin Saskia Draxler sieht die Präsentation als ein Statement gegen die gefällige Belanglosigkeit, die sich ihrer Meinung nach auf dem Kunstmarkt breit macht: „Die Arbeiten von Patrick Walsh sind über zwei Jahre entstanden, in einer Fabrikhalle in Upstate New York, ohne Heizung, ohne Publikum und vor allem ohne Geld. Heiner Müller sagte einmal: »Der Ideenhimmel ist verbraucht. Es gibt nur noch Märkte. Geld scheint der einzige Wert,auf den hin Orientierung noch möglich ist. Und so entsteht eine ungeheure Leere. Die Frage ist, ob der Mensch das aushält«. Die Leere des Kunstmarktes ist gestopft mit teurem Kitsch. Rokoko. Aber auf das Rokoko folgte bekanntlich die Revolution“, so Draxler.

Patrick Walsh bei Nagel Draxler, Foto: Heiko Klaas
Spannende Malerei dann wiederum bei Wentrup. Die Berliner Galerie zeigt in ihrer Förderkoje Bilder der Koreanerin Jeehye Song, Jahrgang 1991, die in Düsseldorf studiert hat, wo sie bis heute lebt und arbeitet. Ihre surreal wirkenden, fast märchenhaften Figuren kombiniert sie mit grotesken Landschaftsszenen und Naturdarstellungen. Die raffiniert gemalten Bilder sind für 2.900 bis 4.800 Euro im Angebot.

Jeeyhe Song: geh rein und raus, 2026
oil on linen
45 x 60 cm, Foto: Galerie Wentrup, Berlin
Bereits am ersten Tag gut verkauft wurden die Gemälde von Nils Ben Brahim am Stand von Eigen+Art, Berlin, Leipzig. Der 1999 geborene Meisterschüler von Thomas Zipp bannt persönliche Erinnerungsfetzen auf die Leinwand. Seine tagebuchähnlichen Close-ups und Porträts aus dem direkten Umfeld lassen an Filmsequenzen denken. Nils Ben Brahim arbeitet auf klar grundierten Leinwänden in einer Mischung aus von den Altmeistern inspirierter Eitempera- und Öltechnik und benutzt zum Abschluss Buntstifte. Zeichnungen sind ab 500 Euro im Angebot, Gemälde kosten 5.000-7.000 Euro.

Nils Ben Brahim
Untitled, „Lip Service“, 2026
Eitempera, Öl und Buntstift auf Leinwand
90 × 70 cm
Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin
Foto: artist
In der Sektion Neumarkt, die einen Schwerpunkt auf Cutting Edge Art junger Galerien legt, zeigt die Münchner Galerie Sperling eine Solopräsentation des 1989 geborenen Katalanen Jose Bonell. Er lebt in Barcelona. Bonell malt mit Ölfarbe und Sprühfarbe. Seine surrealen, humorvollen Gemälde, oft mit träumerischen Motiven, aber auch religiösen Anklängen sorgten auch bereits in den USA und in Mexiko für Aufmerksamkeit. Die meist mittelformatigen Bilder kosten zwischen 2.400 und 7.000 Euro.

Gemälde von Jose Bonell bei Sperling, München, Foto: Galerie Sperling, München
Eine Wiederentdeckung im Bereich Fotografie dann am Stand der New Yorker Galerie Osmos. Sie zeigt ebenfalls im Sektor Neumarkt eine Serie in bester Street-Photography-Manier der Fotografin Catherine DeLattre, Jahrgang 1949. Sie hat bereits in den Jahren 1979/80 charakteristische Shopping-Ladies in New Yorks Straßen mit ihrer Mamiya-Mittelformatkamera abgelichtet. Nach langer Pause widmet sie sich jetzt wieder ihrem fotografischen Werk. Die Abzüge im Pigmentdruck kosten 1.500 für den ersten Print in einer Auflage von 5. Für die 5/5 muss man dann schon 6.000 Euro hinlegen. Die Galerie Osmos wird Catherine Delattre auch nächste Woche auf der Spezialmesse Paris Photo mit zwei weiteren Serien zeigen.

Prateek Vijan: Untitled, 2026, Transferdruck und Handgravur auf Edelstahl-Kühlschranktür, Foto: Heiko Klaas
Auf die Frage, wie die ersten Verkäufe nach der Preview am Mittwoch und am Vernissagetag liefen, sagt Gideon Modersohn von der Hamburger Produzentengalerie etwas verhalten: „Das Interesse ist da, und das ist schon mal gut.“ Immerhin konnte bereits am Mittwochabend eine mit Transferdurck und Handgravur versehene Kühlschranktür von Prateek Vijan für 4.500 Euro verkauft werden. Das Gegenstück dazu war am Donnerstag noch zu haben. Sicherlich gut investiert, denn der Art Viva-Preisträger erhält demnächst eine Einzelausstellung im Kunstverein Braunschweig.

Eingang Süd, Foto: Art Cologne
Am Stand von Sommer Contemporary Art aus Tel Aviv/Zürich fällt eine wandfüllende Installation des französischen Künstlers Saâdane Afif, Jahrgang 1970, ins Auge. Er hat aus Magazinen und Büchern die Originalseiten gerahmt, auf denen das Readymade „Fountain“ von Marcel Duchamp zu sehen ist. Geplant ist, diese Abbildungen demnächst als neue Künstlerpublikation herauszugeben und so ganz nebenbei wieder neue Vorlagen für weitere Appropriationen zu schaffen. Ein mehrteiliges Cluster mit Unikatcharakter wird für 11.500 Euro angeboten.
Eine aktuelle Serie mit kleinformatigen Bildern aus ungewöhnlichen Materialien der Künstlerin Shannon Bool hat die Düsseldorfer Galerie Kadel Willborn im Angebot. Unter dem Titel „Ceramic Paintings“ verwendet sie Glasur, Bronze, Platin und Silber auf Porzellan. Die Unikate in den Maßen 25 x 19 cm kosten je 3.800 Euro.

Stand: Setareh, Halle 11.2, Foto: Art Cologne
Als am Vernissagetag die ersten Gläser Kölsch herumgereicht wurden, hatten sich die Messehallen gut mit Besucher:innen gefüllt. Daniel Hug blickt bereits auf das nächste Jahr 2027, in dem die Art Cologne ihr 60. Jubiläum feiert. Dann wird man in die attraktiven neuen Messehallen direkt mit Rheinblick umziehen. Zunächst aber hoffen die Händler noch auf gute Stimmung, die Synergieeffekte der Kölner Museumsnacht und auf weitere Verkäufe am Wochenende. Rheinländischer Optimismus ist eben angesagt.

Stand: Ruttkowski;68, Halle 11.2, Foto: Art Cologne
Auf einen Blick:
Messe: 59. Art Cologne
Ort: Messe Köln, Hallen 11.1 und 11.2
Zeit: bis 8. November 2026, 6. und 7. November 11-19 Uhr, 8. November 11-18 Uhr
Internet: www.artcologne.com

Stand: M29 Richter, Halle 11.2, Foto: Art Cologne

