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Ein Palaver des Unalphabetischen 

16.03.26  Von Nicole Buesing und Heiko Klaas


Weit mehr als nur der „Nagelkünstler“: Dem im vergangenen Juni mit 95 Jahren verstorbenen Jahrhundertkünstler Günther Uecker widmet das Arp Museum Bahnhof Rolandseck jetzt eine tiefgründig das Gesamtwerk auslotende Ausstellung

Zugegeben, den meisten bekannt ist Günther Uecker als der Künstler, der mit Nägeln arbeitet, oder kurz der „Nagelkünstler“. Dass dieses Etikett zwar bedingt stimmt, gleichzeitig aber der Profundität seines Werkes überhaupt nicht gerecht wird, untermauert jetzt das Arp Museum Bahnhof Rolandseck mit der Ausstellung „Günther Uecker. Die Verletzlichkeit der Welt“. Es handelt sich dabei um die erste Museumsschau nach dem Tod des im Juni 2025 mit 95 Jahren verstorbenen Künstlers und die letzte Ausstellung, an der er in der Planungsphase noch konzeptuell mitgewirkt hat. Zu sehen sind rund 45 Werke aus den Jahren 1957 bis 2020, mithin Arbeiten aus sieben Jahrzehnten.

Porträtfoto Günther Uecker, Foto: Michael Dannenmann

 

Rückkehr an eine frühere Wirkungsstätte

Den von dem amerikanischen Architekten Richard Meier entworfenen Neubau des Arp Museums erreicht man, indem man vom unten im Bahnhof Rolandseck gelegenenEingang bis ans Ende eines in die felsige Uferpartie des Rheins hineingetriebenen Fußgängertunnels geht. Dort, direkt vor den Aufzügen, die einen dann in die eigentlichen Ausstellungsräume hinauf transportieren, platziert Kuratorin Jutta Mattern, die sich mit dieser Schau übrigens in den Ruhestand verabschiedet, den nur wenige Minuten langen S/W-Film „Die Treppe“ aus dem Jahr 1964.

Günther Uecker, Die Treppe, 1964
(Filmstills), Rolandseck © Uecker Archiv

 

Zu sehen ist der in weiße Arbeitskleidung gewandete Künstler, wie er zunächst im Außenraum, dann aber auch auf der Holztreppe des alten Bahnhofsgebäudes eine Spur aus Nägeln hinterlässt, indem er diese, einen nach dem anderen, in die zurückgelegte Wegstrecke einschlägt. Auf der Tonebene hört man lediglich die unausweich-lichen Hammertöne und zwischendurch einmal das rhythmische Rattern eines vorbeifahrenden Schnellzuges. Es wird rasch klar, dass der Künstler als junger Mann im Rahmen dieser Aktion bereits einmal am Bahnhof Rolandseck war, und die Ausstellung daher auch nicht ganz zufällig genau an diesem Ort stattfindet. 

Günther Uecker, Die Treppe, 1964
(Filmstills), Rolandseck © Uecker Archiv

Das Arp Museum, welches im nächsten Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert, wäre ohne die Pionierarbeit des rheinischen Galeristen und Kunstsammlers Johannes Wasmuth (1936-1997) gar nicht zustande gekommen. Dieser transformierte den heruntergekommenen Bahnhof Rolandseck Anfang der 1960er Jahre zusammen mit einer ganzen Reihe von Künstlern zu einem Kulturort an der Peripherie der damaligen Bundeshauptstadt Bonn. Der Künstlerbahnhof Rolandseck war geboren. Mit dabei war neben Gerhard Richter, Sigmar Polke, Yves Klein oder Gotthard Graubner eben auch Günther Uecker.


Günther Uecker, Bett zum Aufwachen, 1965
Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Foto: Mick Vincenz

Die aktuelle Ausstellung stellt insofern die folgerichtige Rück-kehr Ueckers an eine frühere Wirkungsstätte dar, und sie spannt einen weiten Bogen durch sein Werk. Mit der Präsentation der Arbeit „Bett zum Aufwachen“ aus dem Jahr 1965 knüpft Jutta Mattern noch einmal an die Vorgeschichte an. Uecker hatte die monumentale Schlafstätte damals gebaut, um für Johannes Wasmuth in dem damals noch unrenovierten Bahnhofsgebäude einen Ort des Rückzugs und der Regeneration zu schaffen. Das minimalistische Möbel aus Holz verfügt über eine 260 cm hohe Rückwand und eine Art Baldachin. Beide sind in typisch ueckerscher Manier mit wogenden Feldern aus Eisennägeln „besiedelt“. 

Ausstellungsansicht: Günther Uecker. Die Verletzlichkeit der Welt im Arp Museum
Foto: Mick Vincenz

Nägel als strukturierendes Material

An Tafelbilder erinnernde Nagelformationen der unterschiedlichsten Art finden sich in der Ausstellung natürlich etliche. Neben Nagelkompositionen auf Leinwand, die an wogende Weizenfelder, diffuse Wolkenformationen oder sich auftürmende Meeresbrandungen erinnern, versammelt die sehenswerte Schau aber auch etliche Übernagelungen von Alltagsgegenständen. So konterkariert Uecker die wohlstandsverliebte Biederkeit der frühen 1960er Jahre, indem er in der Arbeit „TV auf Tisch“ von 1963, einen kleinen Fernseher mit Holzgehäuse auf einem runden Tisch im Chippendale-Stil, platziert und beide Objekte mit einer sich nach oben hin zunehmend verdichtenden Nagelinvasion überzieht. Weitere bearbeitete Fundstücke wie etwa ein Piano, ein Stuhl oder ein kleiner Beistelltisch setzen diese Akte der Aneignung und Anverwandlung von Alltagsobjekten fort.

Günther Uecker, TV auf Tisch, 1963
Privatsammlung, Foto: David Ertl

Kritische Neukontextualisierung von Konsumfetischen

Ueckers Neukontextualisierung von Alltagsgegenständen erinnert dabei entfernt an Marcel Duchamps Readymades. Doch während bei Duchamp eher der nüchtern-intellektuelle Akt des Auswählens und Ausstellens im Vordergrund steht, nähert sich Uecker den Gegenständen mit geradezu transformatorischem Furor. Was er haptisch bearbeitet, verliert seine eigentliche Funktion und wird zu etwas gänzlich Neuem umdefiniert. Dabei wird er im Laufe seiner Karriere von ganz unterschiedlichen Motivationen angetrieben. Dominiert zunächst noch mehr die an Formfragen sich abarbeitende Modellierung von Oberflächen, das Wechselspiel von Licht und Schatten, Verdichtungen und Verstreuungen des Nagelmaterials, so kommt nach und nach ein zunehmend von Gesellschafts- und Konsumkritik motivierter Antrieb hinzu. Die Ausstellung in Remagen verdeutlicht auch das an einer ganzen Reihe von Exponaten. Er habe „Kulturfetische übernagelt wie Pianos oder einen Fernsehapparat, der damals ein ungeheures Wertobjekt war“, so Uecker in einem Interview von 1972. Und weiter: „Da habe ich einfach dieses optische Material, das sich mit Hilfe des Nagels darstellt, auf die Gegenstände geschwemmt.“ 

Ausstellungsansicht: Günther Uecker. Die Verletzlichkeit der Welt im Arp Museum, Foto: Mick Vincenz

Häufig jedoch gesellt sich zu den Nägeln auch noch ein zweiter Überzug in Form weißer Farbe hinzu. Die malerische Geste hat Uecker zeitlebens nicht aufgegeben, sie jedoch in immer wieder neue, ihm und seiner Zeit gemäße Experimente und Innovationen überführt. 

Ausweitung des Materialkosmos‘

Die Ausstellung im Arp Museum Bahnhof Rolandseck zeigt aber auch eher selten präsentierte Werkaspekte. Ende der 1960er Jahre beginnt Günther Uecker, seinen Materialkosmos zu erweitern. Jetzt werden auch Materialien wie Sand, Erde, Holz und Textilien zu physischen Trägern seiner künstlerischen Ideen. In Remagen zu sehen ist etwa die raumfüllende Arbeit „Sandmühle“, ursprünglich aus dem Jahre 1969. In der Mitte eines aus relativ grobem Sand geformten Kreises mit einem Durchmesser von sieben Metern befindet sich ein elektrischer Antrieb, der an langen Holzstangen befestigte dünne Seile mit kleinen Knoten an den Enden, mit gleichbleibendem Tempo langsam durch den Sand pflügen lässt. Die Arbeit strahlt eine große meditative Ruhe aus und gemahnt das Publikum an Vorstellungen von Gelassenheit, kosmischer Ordnung und universeller Spiritualität.

 
Günther Uecker, Sandmühle, 1969/2014
Privatsammlung, Foto: Uecker Archiv

Nachdenken über die Verletzlichkeit der Welt

In den 1970er Jahren, zu einer Zeit also, als, angeregt durch die aufrüttelnden Stellungnahmen der internationalen Wissenschaftler-vereinigung „Club of Rome“, ein intensiveres Nachdenken über Umwelt-, Klima- und Gerechtigkeitsfragen einsetzte, beginnt Günther Uecker vermehrt damit, auch abgelegenere Weltgegendenzu bereisen und sich intensiv mit außereuropäischer Kultur und der oft prekärenSituation indigener Völker zu beschäftigen. Gleichzeitig beginnt er im Fahrwasser der Studentenunruhen auch damit, die Exklusivität der Kunstinstitutionen zu verlassen und in Form von Aktionen oder Performances im öffentlichen Raum zu agieren.

Ausstellungsansicht: Günther Uecker. Die Verletzlichkeit der Welt im Arp Museum, Foto: Mick Vincenz

In Remagen ist auch eine ganze Reihe von Exponaten ausgestellt, die aus derBeschäftigung mit neuen Themenfeldern wie etwa dem Waldsterben erwachsen sind.So zum Beispiel die zwölfteilige Installation „Wald, Hängende Steine“ (1989/1990), bestehend aus auf dem Boden stehenden, unterschiedlich hohen Baumsegmenten, an welchen mit Stoffstreifen befestigte Steine hängen. Ein Überzug mit Leim und Asche verleiht dieser Arbeit zudem eine schamanistische Komponente. Von der Verletzbarkeit des Menschen durch seine Artgenossen zeugtwiederum die Arbeit „Verletzungen – Verbindungen“ (1982). Aggression und der Versuch der fürsorglichen Heilung oder des notdürftigen Zusammenflickens bilden die zwei miteinander konkurrierenden Pole dieser Arbeit. Von einer stangenartigen Befestigung herabhängende und zu unregelmäßigen Streifen zerrissene Baumwollfetzen erinnern an Verbandstoffe und fungieren als notdürftige Aufhängung für teils mit Nägeln versehene Elemente aus einfachem unbehandeltem Holz.

Günther Uecker,
Verletzungen – Verbindungen, 1982
Sammlung Lenz, Österreich, Foto: Archiv Lenz Schönberg

Dem Erfahrenen Struktur geben

„Wenn ich dem Erfahrenen und Erinnerten eine Struktur gebe, es dynamisiere und mit Zwischenräumen versehe, ist dies ein Palaver des Unalphabetischen“, so charakterisierte Günther Uecker in einem Gespräch mit dem Autor Heinz-Norbert Jocks aus dem Jahr 2011 seine künstlerische Methode. 

Die Ausstellung in Remagen zeigt Günther Uecker als einen bis zu seinem Lebensende stets wachen, innovationsfreudigen und zunehmend auf gesellschaftliche Veränderungen und Prozesse reagierenden Künstler, dessen ästhetisches und gesellschaftlich-visionäres Vermächtnis mit Sicherheit noch lange nachhallen wird. 

Porträtfoto Günther Uecker, Foto: Michael Dannenberg

 

Auf einen Blick:

Ausstellung: Günther Uecker. Die Verletzlichkeit der Welt

Ort: arp museum. Bahnhof Rolandseck. Remagen

Zeit: bis 14.6.2026. Di-So und Feiertage (außer Rosenmontag) 11-18 Uhr

Katalog: Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, 192 S., mit 151 Abb. (davon 46 in Farbe), in dt. & engl. Sprache

Internet: www.arpmuseum.org

Ausstellungsansicht: Günther Uecker. Die Verletzlichkeit der Welt im Arp Museum, Foto: Mick Vincenz

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Nicole Buesing und Heiko Klaas
Nicole Büsing und Heiko Klaas sind seit 1997 als freie Kunstjournalisten und Kritiker für zahlreiche Magazine, Tageszeitungen und Online-Magazine tätig. Daneben schreiben sie auch Katalogbeiträge. Sie leben in Hamburg und Berlin. Regelmäßige Veröffentlichungen über Kunst und Kunstmarkt z.B. in Kunstmarkt.com, Monopol, Artmapp, Hatjecantz.de, Artist Kunstmagazin, Artline, Spiegel online, DARE, Kultur & Gespenster, Photonews, Kunsttermine, Zeitkunst, Künstler-Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Next Level, Art, Die Welt, Der Tagesspiegel, www.artlog.net, diverse regionale Tageszeitungen wie Kieler Nachrichten, Weser-Kurier, Neue Osnabrücker Zeitung, Saarbrücker Zeitung, Südkurier, Nürnberger Nachrichten, Flensburger Tageblatt, Freie Presse, etc. klaas.buesing@gmail.com




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