Mit der begrüßenswerten Initiative „Basel Exclusive“ wird die Messe – zumindest partiell – wieder zu einem Live-Erlebnis aufgewertet
Mit 290 Galerien aus 66 Ländern und Werken von mehr als 4.000 Künstler:innen hat jetzt die Art Basel ihre Pforten geöffnet. Trotz Ablegern in Paris, Miami Beach, Hongkong und Katar gilt die Stammmesse in Basel immer noch als das wichtigste Stimmungsbarometer für den globalen Kunstmesse-Betrieb.
Eine der zentralen Neuerungen der diesjährigen Ausgabe nennt sich Basel Exclusive: 200 der 232 im Hauptsektor teilnehmenden Galerien beteiligen sich daran. Wer aufmerksam durch die Hallen geht, wird also vielerorts auf kleine Schilder in einheitlichem Design stoßen. Sie tragen die Aufschrift „BASEL EXCLUSIVE“ und kennzeichnen Werke, die nur diejenigen entdecken können, die tatsächlich persönlich auf die Messe kommen. Mit dieser Initiative der Messeleitung soll einer Tendenz entgegengewirkt werden, die schon seit vielen Jahren zu beobachten ist. Fast alle Galerien versenden sogenannte Pre-Fair-PDFs schon lange, bevor die Messe ihre Tore öffnet. Sammlern und ihren Beratern werden also bereits vor Messebeginn die zum Verkauf kommenden Werke, ihre Abmessungen und Preise mitgeteilt. Viele Käufe und Reservierungen finden daher schon im Vorfeld der Messe statt. Was dabei jedoch verloren geht, sind die Entdeckerfreude, der Überraschungseffekt – und vielleicht auch der Jagdinstinkt.
In der Zeitung „The Art Newspaper“ wird die Turiner Sammlerin Patrizia Sandretto Re Rebaudengo so zitiert: „Basel Exclusive bringt die Lust auf Entdeckungen zurück, die in den letzten Jahren nach und nach reduziert wurde, da viele wichtige Werke schon verkauft waren, ehe die Messe überhaupt aufgemacht hatte. Ich denke, dass diese Initiative die persönliche Anwesenheit wieder stärken und eine gewisse Vorfreude auf den Messebesuch auslösen wird, ganz so wie es noch in den 1990er und frühen 2000er Jahren war.“
Und tatsächlich haben etliche Händler bedeutende Arbeiten bis zum Messebeginn geheim gehalten. So präsentiert Karsten Greve eine an einen Totempfahl erinnernde Säule von Louise Bourgeois (1911-2010) aus dem Jahr 2002. Die vertikal aufragende, menschengroße Skulptur besteht aus gelb eingefärbten Stoffsäckchen, die auf eine Stahlstange gesteckt sind.
Passend zur großen Helen-Frankenthaler-Sonderausstellung im Kunstmuseum Basel (noch bis 23. August 2026) hat die Galerie Yares aus New York das 1979 entstandene Gemälde „Phoebe“ Helen Frankenthalers (1928-2011) mit nach Basel gebracht. Die Vertreterin des Abstrakten Expressionismus war damals bereits von Öl- auf Acrylfarbe umgestiegen, was scharfkantigere Konturen auf der Leinwand ermöglichte.
Auch Gerhard Richters „Silsersee“ (1995) bei Sies + Höke aus Düsseldorf wurde bis zuletzt unter Verschluss gehalten. Das eher kleinformatige Gemälde dürfte allein aufgrund seines Schweiz-Bezuges auf Interesse stoßen.
Doch unter dem Label Basel Exclusive ist auch Kleinformatigeres im Angebot. So können Liebhaber:innen des Bauhauses und der Vintage-Fotografie bei der Galerie Kadel Willborn aus Düsseldorf zum Beispiel diese Entdeckung machen: Ausschließlich am Stand und nicht schon zuvor im digitalen Raum präsentiert wurden am Dienstagvormittag seltene Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Bauhaus-Fotografin Lucia Moholy (1894-1989) aus dem Jahr 1926. Die gesuchten Abzüge im Postkartenformat zeigen die Mitglieder der Bauhaus-Kapelle sowie Bühnenaufführungen am Bauhaus. Lucia Moholys eigenes Werk als Fotografin stand lange im Schatten ihres berühmteren Mannes Lászlò Moholy-Nagy. Erst in der jüngeren Kunstgeschichtsschreibung wird dieses Manko aufgearbeitet und korrigiert.
Bereits am Montagnachmittag machten zahlreiche VIP-Besucher:innen von der Möglichkeit Gebrauch, in der 16.000 Quadratmeter großen Halle 1.0 die Messesektion Unlimited anzuschauen. Kuratiert wurde die Schau in diesem Jahr erstmals von Ruba Katrib, Chefkuratorin am MoMA PS1 in New York. Gezeigt werden 59 großformatige beziehungsweise raumgreifende Arbeiten nahezu aller Medien, präsentiert von 66 Galerien. “Von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart reagieren die Künstler:innen in verschiedenen ästhetischen Registern auf politische und soziale Umwälzungen. Ihre Werke zeigen die raffinierte Art und Weise, wie Künstler:innen sich auf Details, Feinheiten und Bedingungen einstimmen, die oft erst im Nachhinein lesbar werden. Die daraus resultierenden Dialoge sind aufschlussreich und manchmal unerwartet“, so Katrib.
Ein eindeutiges Statement macht die syrisch-amerikanische Kuratorin direkt am Eingang der Messehalle 1.0 mit der Arbeit „L.A.D.P. Uniforms“ aus dem Jahr 1993 des amerikanischen Konzept- und Performancekünstlers Chris Burden (1946-2015). Angeregt durch den brutalen Angriff auf den Farbigen Rodney King durch Polizisten in Los Angeles und die daraus resultierenden zivilen Unruhen, in deren Verlauf 53 Menschen durch Polizeigewalt starben, ist diese Arbeit entstanden. Burden hatte damals die Respekt einflößende Uniform eines mehr als zwei Meter großen Polizisten 30 Mal nachschneidern lassen. In Basel zu sehen sind jetzt zehn an der Wand hängende Exemplare, auf die alle Besucher:innen direkt zulaufen. Angesichts der aktuellen Skandale um die Abschiebepolizei ICE weckt die Arbeit eindeutig Assoziationen an die gegenwärtige politisch-gesellschaftliche Situation in den USA.
Eine umfangreiche Einzelpräsentation innerhalb der Umlimited ruft die erste große Museumsschau des Fotokünstlers Philip-Lorca diCorcia (*1951) im MoMA 1993 in Erinnerung. Unter dem Titel „Hustlers“ zeigte er damals 21 individuelle Porträts von männlichen Sexarbeitern auf dem Santa Monica Boulevard. Entstanden sind starke Aufnahmen zwischen Glanz und Glamour. Menschen, die versuchen, das Beste aus ihrer Situation zu machen, treffen auf andere, die im Elend geradezu zu versinken scheinen. Die staatliche Unterstützung, die er für dieses Projekt erhalten hatte, zahlte diCorcia damals an die Porträtierten aus, eine Geste, die in der konservativen Bush-Ära kontrovers aufgenommen wurde.
Eine zweite Fotopräsentation zeigt Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Peter Hujar (1934-1987). Unter dem Titel „The Gracie Mansion Show“ wird Hujars letzte Ausstellung zu Lebzeiten von den Galerien Ortuzar (New York) und Fraenkel Gallery (San Francisco) rekonstruiert. Auf 70 Aufnahmen von Künstler-Freunden, Akten, Landschaften, Tieren und leerstehenden Gebäuden entwirft Peter Hujar ein mitunter verstörendes Panorama des Downtown-New York der 1970er und 1980er Jahre.
Mit einer eher ungewöhnlichen Arbeit vertreten ist die britische Künstlerin Tracey Emin (*1963). In ihrer ausladenden Installation „Knowing My Enemy“ taucht sie tief in ihre eigene Familiengeschichte ein. Eine weitgehend verfallene Strandhütte aus ihrer an der Küste gelegenen Heimatstadt Margate präsentiert die Künstlerin auf einer Art Pier, wie sie an der britischen Küste häufig zu finden sind. Doch auch diese Zuwegung ist derart heruntergekommen, dass vom Betreten dringend abzuraten ist. Einen zweiten wichtigen Bestandteil der Arbeit stellen persönliche Dokumente aus dem Leben ihres aus der Türkei stammenden Vaters dar. Letztendlich behandelt die Arbeit traumatische Erfahrungen des mittlerweile verstorbenen Vaters und deren transgenerationale Weitergabe an die Tochter.
Der stets interdisziplinär arbeitende amerikanische Künstler Theaster Gates (*1973) beschwört in seiner Arbeit „A libation in Uncertain Times“ aus dem Jahr 2024 das poetische Potenzial von Alltagsobjekten. Zu sehen sind rund 1.000 traditionelle japanische Sake-Flaschen aus gebranntem Ton, beschriftet mit den Namen der einstigen Besitzerfamilien. Auf einem monumentalen Regal aus altem Holz ordnet Gates diese von ganz hell bis ganz dunkel in einer Art Farbverlauf systematisch an. Die Arbeit kommt einem kontemplativen Ruhepol in der vielfach mit bunten Farbreizen und Soundeffekten angefüllten Messehalle gleich. Weitere beachtenswerte Werke auf der Unlimited stammen von etablierten Künstler:innen wie Yayoi Kusama, Isa Genzken, Luc Tuymans, Jacques Villeglé, Ed Ruscha, Matthew Barney oder Bruce Nauman. Ergänzt um spannende jüngere Position wie Rochelle Goldberg und Timur Si-Qin.
Ein erster Rundgang im Obergeschoss der Hauptmesse zeigte am Dienstag, dass viele Galerien in diesem Jahr mit eher abgesicherten und optisch ansprechenden Positionen nach Basel gereist sind. „Ganz schön viel Painting!“ Dieser spontane Ausruf einer unbekannten Besucherin eine Viertelstunde nach der Eröffnung brachte es auf den Punkt. Tendenziell setzen viele Galerien auf gut verkäufliche Flachware.
Skulpturen oder Wandobjekte kommen oft mit spiegelnden Oberflächen aus Metall oder Kunststoff daher. „Instagramability“ scheint besonders bei jüngeren Besucher:innen angesagt zu sein. Passt die Materialität der entdeckten Arbeit zum eigenen Outfit, dann lässt man sich vom Partner oder der besten Freundin davor fotografieren, um die entstandenen Bilder sogleich in die Welt hinaus zu schicken. Doch Vorsicht Falle! Manches, was auf den ersten Blick so scheinbar dekorativ und verführerisch erscheint, birgt ein dunkles Geheimnis. So etwa die exakt ausbalancierten Mobiles und kinetischen Soundskulpturen des vietnamesisch-amerikanischen Künstlers Tuan Andrew Nguyen (*1976). Seine gleich von mehreren Galerien, darunter Esther Schipper, Berlin und James Cohan aus New York, angebotenen eleganten Werke, die womöglich bald in so manchem exklusiven Sammlerheim eine neue Heimat finden, bestehen aus den Überresten amerikanischer Munition, die während des Vietnamkriegs abgefeuert wurde. Diese zu transformieren und in etwas Schönes und Begehrenswertes umzuarbeiten, habe für ihn einen „heilenden Effekt“, so der Künstler. Die intergenerationalen Traumata seiner Familien- und der Kolonialgeschichte verwandelt er in seinen meditativ aufgeladenen Objekten aus gefundenen Materialien wie Messing, Edelstahl oder Fallschirmschnüren zu Verkörperungen von Ruhe und Frieden.
Am Stand von Eigen + Art (Berlin, Leipzig) fallen die kleinformatigen Gemälde des Leipzigers Titus Schade (* 1984) sofort ins Auge. Der Schüler von Neo Rauch rückt auf seinen eigens für die Messe gemalten neuen Werken unter anderem farbige Panoramazüge vor Bergkulissen und Vollmonden in den Fokus. Seine mit großer Präzision ausgeführten Bilderfindungen sind in Acryl und Öl auf Holz gemalt und kosten zwischen 6.000 und 14.000 Euro.
Bei der Berliner Galerie NEU im Angebot ist ein Auflagenwerk von Cosima von Bonin (*1962). „Drunk Octopus Wants to Fight!“, so der Titel des Wandobjekts kommt in Form eines überdimensionierten Standardkleiderhakens daher, wie er in jedem Baumarkt erhältlich ist. Dadurch, dass das aus poliertem Aluminium hergestellte Objekt den Betrachter:innen jetzt aber wie ein leicht angeschlagener Boxer mit ausgestreckten Fäusten entgegentritt, erhält es eine ganz neue Lesart. Den Titel des Werks müssen die Käufer:innen dann allerdings selbst mit einem dicken Filzstift auf die Wand schreiben, um es zu vervollständigen.
Von einem ähnlich subtilen Humor gekennzeichnet ist auch eine 2026 entstandene Arbeit der in London lebenden Deutschen Nicole Wermers (*1971) am Stand der Galerie Jessica Silverman aus San Francisco. „Domestic Tail, (purple, 13 metres)“ besteht aus einem 13 Meter langen lilafarbenen Tierschwanz aus Kunstfell mit weißer Spitze. Aufgewickelt ist das Objekt wie ein Gartenschlauch auf eine Edelstahlrolle mit Holzkurbel. Wermers karikiert mit dieser Arbeit tradierte Vorstellungen von Häuslichkeit, Gemütlichkeit und fragwürdiger Tierliebe, wie sie etwa in den in vielen Großstädten beliebten Katzencafés ausgelebt wird.
Überhaupt scheint Tierisches auf der diesjährigen Art Basel beliebt zu sein. Besonders gern auch gewürzt mit einer Prise schwarzen Humors. So präsentiert der italienische Künstler Diego Marcon (*1985) bei gleich mehreren Galerien Arbeiten aus seiner 16-teiligen Serie „Altri Cani morti“ (2025). Die lebensgroßen Wandplastiken aus bemalter Keramik zeigen offenbar tote Hunde. Ihnen haftet jedoch keineswegs etwas Ekliges oder Abstoßendes an. Die unverletzt erscheinenden Tiere scheinen einen glücklichen Tod hinter sich zu haben. Mit ihrem leichten Grinsen irritieren sie die Betrachter:innen mehr, als sie zu verschrecken.
Wer sich fragt, was das alles soll und seine Sammlung mit etwas Nachdenklichem ergänzen will, dem seien die Schriftarbeiten der in Amsterdam lebenden kroatischen Künstlerin Nora Turato (* 1991) empfohlen. Turato bedient sich in ihren Werken irgendwo im öffentlichen Raum aufgeschnappter oder gelesener Phrasen anderer Personen, die sie sich einverleibt, indem sie sie in Emaille auf Stahl drucken lässt. Bei der Galerie Gregor Staiger aus Zürich im Angebot ist eine Arbeit mit der hintersinnigen Frage „Where is this all coming from?“ (2026) im Angebot.
Auf einen Blick:
Messe: Art Basel
Ort: Messe Schweiz, Messeplatz Basel
Zeit: 18. bis 21. Juni 2026 (Publikumstage), jeweils 11-19 Uhr
Katalog: https://www.artbasel.com/news/browse-the-online-catalog?lang=de
Internet: www.artbasel.com

